ZWANGSARBEIT IN BAD PYRMONT
Wo mussten die Zwangsarbeiter arbeiten?
Zwangsarbeiter wurden in Bad Pyrmont in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Obwohl Bad Pyrmont eine Kleinstadt fast ohne Industrie war, produzierten zwei Unternehmen während des Krieges Rüstungsgüter. Beide setzten dafür unter anderem auch Zwangsarbeiter ein. Eine Stuhl- bzw. Holzwarenfabrik in Holzhausen stellte Munitionskisten für die Wehrmacht her. Dort existierte ein Lager für 18 russische Zwangsarbeiterinnen – die jüngste war 15 Jahre alt. Zudem ist die Existenz eines weiteren Arbeitskommandos in einer Werkzeugfabrik belegt, die Gasmasken für die Luftwaffe herstellte. Darüber hinaus waren einige Zwangsarbeiterinnen auch in der Landwirtschaft eingesetzt oder bei der Reichsbahn in Bad Pyrmont. Bad Pyrmonts Spezifikum als Lazarettstadt führte dazu, dass vor allem Frauen und Mädchen als medizinisches Pflegepersonal, ‚Haushaltsgehilfinnen‘ für Pensionen oder Arbeiterinnen für die größeren Hotels eingesetzt wurden. Sie arbeiteten unter anderem im Kurhotel und im Hotel Fürstenhof, in kleineren Pensionen, für Bäckereien, Fleischerläden, in Cafés, privat bei Familien, in Gaststätten oder in Krankenhäusern und Lazaretten.
Zwangsarbeit
Während des Zweiten Weltkriegs fehlten der deutschen Kriegswirtschaft viele Arbeitskräfte. Daher wurde der Einsatz von ausländischen Arbeitskräften erzwungen und die besetzten Länder als Arbeitskräftereservoir genutzt. 13 Millionen Menschen aus mindestens 21 Ländern mussten während des Nationalsozialismus Zwangsarbeit in Deutschland leisten – als zivile ausländische Arbeitskräfte, als Kriegsgefangene oder als Häftlinge. Die meisten von ihnen kamen aus Polen und der Sowjetunion. Darüber hinaus mussten Millionen weitere Menschen in den von Deutschland besetzten Gebieten Zwangsarbeit leisten. Die Bereiche, in denen Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, waren vielseitig. Sie reichten von Großunternehmen, kleinen Handwerksbetrieben, Kommunen und Behörden, der Rüstungsindustrie, Baustellen und Bauernhöfen bis zu privaten Haushalten. Die Zwangsarbeit war somit kein Geheimnis, sondern fand öffentlich statt. Durch sie konnten sowohl die deutsche Kriegsführung als auch die Versorgung der Bevölkerung aufrechterhalten werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde NS-Zwangsarbeit lange nicht als Massenverbrechen anerkannt. In Deutschland wurde sie jahrzehntelang als normale Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft bezeichnet und damit verharmlost. Die noch lebenden Opfer wurden teilweise erst 65 Jahre nach dem Krieg mit geringen Geldzahlungen entschädigt. Diese standen in keinem Verhältnis zu den langjährigen psychischen und physischen Folgeschäden der Zwangsarbeit und der ihnen genommenen Zukunft.
Zwangsarbeit im Landkreis und in Bad Pyrmont
Auch im Landkreis Hameln-Pyrmont sowie in der Stadt Bad Pyrmont wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Im damaligen Landkreis waren es etwa 1.300 bis 1.900 russische und französische Kriegsgefangene. Darüber hinaus wurden auch ca. 6.000 Zivilarbeiter, sogenannte ‚Fremdarbeiter‘ aus den besetzten Gebieten zur Arbeit im Landkreis gezwungen. In der Stadt Bad Pyrmont gab es insgesamt 400 zivile Zwangsarbeiter sowie 80 Kriegsgefangene. Im Jahr 1943 waren 244 zivile Zwangsarbeiter gleichzeitig vor Ort. Die in Bad Pyrmont eingesetzten Menschen waren in drei Kriegsgefangenenlagern, einem Lager für zivile Zwangsarbeiter sowie privaten Haushalten untergebracht. Auch in den umliegenden Dörfern Löwensen, Thal und Hagen waren insgesamt 84 Zwangsarbeiter eingesetzt. Die größte Gruppe der Zwangsarbeiterinnen waren Frauen aus der heutigen Ukraine, danach folgten polnische Zwangsarbeiterinnen. Eine weitere größere Gruppe kam aus Belgien. Ein Niederländer wurde als Zwangsarbeiter im Kurorchester eingesetzt. Sowohl die Kriegsgefangenen als auch die Zivilarbeiter gehörten unübersehbar zum Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung – auch in Kleinstädten wie Bad Pyrmont. Zwangsarbeit war ein allgegenwärtiges Massenphänomen, sie war im Stadtbild sichtbar: bei Grünarbeiten im Kurpark, durch die Unterbringung Kriegsgefangener im Konzerthaus oder bei Begegnungen im eigenen Familienbetrieb. Niemand konnte behaupten, von der Zwangsarbeit nichts gewusst oder nicht von ihr profitiert zu haben.
Ungleichbehandlung
Die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter waren je nach Nation, rechtlichem Status und Geschlecht unterschiedlich. Sie waren geprägt von einer rassistischen Ungleichbehandlung und der Hierarchie des NS-Regimes. Der Status der westeuropäischen Zwangsarbeiter unterschied sich stark von dem der Ostarbeiter und Polen. Diese waren starken Diskriminierungen, strengeren Arbeitsbedingungen, Willkür und Misshandlungen wehrlos ausgeliefert. Sie durften ihre Lager beispielsweise nur zur Arbeit verlassen und mussten entsprechende Kennzeichen (‚OST‘, ‚P‘) tragen. Im Gegensatz dazu erhielten westeuropäische Zwangsarbeiter eine bessere Bezahlung, sowie bessere Unterkünfte und Verpflegung. Auch unterlagen sie milderen Auflagen hinsichtlich des Umgangs mit der deutschen Bevölkerung. Ihre höhere Stellung innerhalb der nationalsozialistischen Rassenhierarchie schloss Diskriminierung und Strafen zwar nicht aus, ermöglichte aber eine gewisse Nähe zwischen den westeuropäischen Zwangsarbeitern und den Deutschen. Juden, sowjetische Kriegsgefangene sowie Sinti und Roma standen ganz unten in der völkisch-rassistischen Hierarchie. Sie waren der stärksten Diskriminierung und der ‚Vernichtung durch Arbeit‘ ausgesetzt.
„Lasst Polen nicht mit an eurem Tisch essen!“
Merkblatt der NSDAP zum Verhalten gegenüber polnischen Zwangsarbeitern, 1939
Merkblatt der NSDAP zum Verhalten gegenüber polnischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, 1939
Das Merkblatt weist die deutsche Bevölkerung auf die Regeln im Umgang mit polnischen Zwangsarbeitern hin. Dabei bedient es sich völkisch-rassistischer Logiken, indem es stets auf einen angeblichen Unterschied zwischen Deutschen und der ‚Volksgemeinschaft‘ zu polnischen Menschen verweist. Laut dem Merkblatt war jeglicher Kontakt auf Augenhöhe zu vermeiden, näherer Kontakt oder intime Verhältnisse waren verboten.
Alltag der Zwangsarbeiter
Alle Zwangsarbeiter unterlagen einer strengen Überwachung durch ein rassistisch-bürokratisches System aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Polizei und SS. Viele Frauen litten zudem unter zusätzlicher Gewalt. Nach der gewaltvollen Verschleppung aus ihrer Heimat entschied die Art der Arbeit, die Unterbringung und die Verpflegung über die Lebensbedingungen vor Ort. Darüber hinaus waren die Überlebenschancen der Betroffenen auch vom individuellen Verhalten der Deutschen abhängig und wie diese wiederum ihre Handlungsspielräume nutzen. Die Erfahrungen der Zwangsarbeiter belegen das: Sie berichten von mangelhafter Ernährung, fehlender medizinischer Versorgung, stark diskriminierenden und menschenverachtenden Bedingungen bis hin zu einem guten Verhältnis zu der ihr zugeteilten Familie. Insgesamt überlebten nicht alle Zwangsarbeiter ihren Arbeitseinsatz: Im Landkreis HamelnPyrmont verstarben über 300 Zwangsarbeiter, darunter mehr als 80 Kinder und Säuglinge. In Pyrmont kamen drei Zwangsarbeiter ums Leben. Ihre Gräber befinden sich auf dem Oesdorfer Friedhof in Pyrmont.
Der Einsatz von Kriegsgefangenen im kommenden Winter zur Moorgewinnung ist unerlässlich.“
Kurdirektor Gallion in einem Brief an den Bürgermeister, 2. Oktober 1941
Kriegsgefangene in Bad Pyrmont
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in Bad Pyrmont nicht nur zivile Zwangsarbeiter eingesetzt, sondern auch Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und Frankreich. Eines der Lager für zunächst sowjetische und später französische Kriegsgefangene befand sich im Keller des zentral gelegenen Bad Pyrmonter Konzerthauses. Sowohl die sehr präsente Lage als auch die Einsatzorte der Kriegsgefangenen sorgten für eine alltägliche Wahrnehmung durch die lokale Bevölkerung. Die ersten Kriegsgefangenen wurden ab Ende 1941 im Konzerthaus untergebracht. Etwa 20 sowjetische Kriegsgefangenen wurden durch die Kurverwaltung zur Zwangsarbeit in der Moorgewinnung eingesetzt, um den Kurbetrieb aufrecht zu erhalten. Wahrscheinlich Mitte 1942 wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen verlegt und dafür ein französisches Arbeitskommando in dem Lager untergebracht. Die 20 französischen Kriegsgefangenen mussten Gartenpflege im Kurpark betreiben. Auch hier hatte die Kurverwaltung die Aufsicht. Ein Teil der Franzosen wurde zudem von den Bad Pyrmonter Verkehrsbetrieben, vermutlich zur Straßenpflege, eingesetzt. Die Stadtverwaltung selbst nutzte ebenfalls Kriegsgefangene als Arbeitskräfte: Für die Instandhaltung von Straßen, Kanalisation sowie zur Müllabfuhr wurden sieben russische Kriegsgefangene eingesetzt. Auch sie wurden im Lager der Kurverwaltung im Konzerthaus untergebracht. Neben diesem Lager richtete das Forstamt Bad Pyrmont ab Ende 1942 in Thal ein weiteres Lager ein. Dort wurden zunächst zehn polnische zivile Arbeiter und ab Mai 1943 dann 20 russische Kriegsgefangene untergebracht und zur Arbeit gezwungen.
Die Belgierin Germaine Moerman
Die Belgierin Germaine Moerman wurde im Juli 1943 zur Arbeit in Deutschland eingezogen und war bis 1945 als zivile Zwangsarbeiterin in Bad Pyrmont eingesetzt. Ihre Einberufung kam unerwartet, da sie alleinerziehende Mutter war und ihr Sohn damals erst zwei Jahre alt. Sie wurde in Viehwaggons nach Deutschland deportiert und arbeitete anschließend als Zimmermädchen in der zum Lazarett umfunktionierten Pension Hoffschildt.
Die Belgierin Germaine Moerman
Auf dem Foto ist in der vorderen Reihe links Germaine Moerman zu sehen. Die übrigen Personen auf dem Foto sind wahrscheinlich die Hoffschildts mit einem weiteren Zimmermädchen. Ob es sich dabei ebenfalls um eine Zwangsarbeiterin oder eine deutsche Angestellte handelt, ist unklar. Fotos und Postkarten lassen vermuten, dass zwischen Germaine Moerman und der Pensionsbesitzerin Ilse Hoffschildt sowie ihren Kolleginnen ein gutes Verhältnis herrschte.
Polnische Hausgehilfinnen des Kurhotels, teilweise als Lazarettschwestern eingesetzt, um 1940
Das Foto zeigt einen fröhlichen Moment zwischen Frauen – teilweise hunderte Kilometer entfernt von ihrer Heimat. In den Lazaretten der Stadt waren vor allem polnische und ukrainische Frauen eingesetzt. Dabei kam es zwischen den Zwangsarbeiterinnen und den verletzten Soldaten auch zu Annäherungen. Ein Zeitzeuge erinnert sich beispielsweise daran, wie seine Mutter die Liebschaften von Polinnen mit Lazarettinsassen geheim hielt, die bei ihnen in der zum Lazarett umgewandelten Pension eingesetzt waren. Auch in einer Ratssitzung im September 1941 wurde der ‚Verkehr der Lazarettinsassen mit Polenmädchen‘ kritisiert. Sexueller Verkehr und Beziehungen zwischen Deutschen und den ‚fremdvölkischen‘ Zwangsarbeiterinnen waren aus rassistischen Gründen streng verboten und konnten schwer bestraft werden.
Französische Kriegsgefangene im Kurpark
Die Fotos zeigt das französische Arbeitskommando der Kurverwaltung im Kurpark 1942. Es wurde von einer damals 15-jährigen aufgenommen, die mit ihrer Mutter in der Dienstwohnung des Konzerthauses wohnte. Über 40 Jahre nach ihrem Arbeitseinsatz besuchten zwei der ehemalige französische Kriegsgefangene 1982 die Stadt Pyrmont.
Wachsoldaten vor dem Konzerthaus
Die Kriegsgefangenen wurden in von der Wehrmacht bewachten Lagern untergebracht. Für Bad Pyrmont war das Stammlager XI B in Fallingbostel zuständig. Dort wurden die Soldaten verschiedenen Arbeitskommandos zugewiesen und auf die jeweiligen Orte verteilt. Das Foto zeigt die Wachmannschaft des Kriegsgefangenenlagers im Konzerthaus. Ähnlich wie bei Zwangsarbeitern waren Vertrauensverhältnisse und übermäßiger Kontakt zwischen Kriegsgefangenen und der Bevölkerung untersagt.
Kriegsgefangene in der Moorgewinnung
Der Brief des Kurdirektors Georg Gallion an Bürgermeister Zuchhold vom 2. Oktober 1941 thematisiert den Einsatz von Kriegsgefangenen zur Moorgewinnung. Die Moorgewinnung in Bad Pyrmont stieg durch die Reservelazarette und dem Kurbetrieb trotz Krieg an. Untergebracht wurden die Kriegsgefangenen im Keller des Konzerthauses, einen Raum mit 20 Betten. Das Kellerfenster war vergittert, mit Brettern verschlagen und durch Stacheldraht gesichert. Außerdem gab es einen kleinen Bereich für Freigang. Dieser war allerdings durch einen hohen Bretterzaun von der Außenwelt abgeschirmt. Anders als gegenüber dem Bürgermeister versprochen, wurde das Lager zur Dauereinrichtung. Das Dokument aus Täterperspektive verdeutlicht den entmenschlichenden Charakter der Zwangsarbeit. Auch andere Dokumente veranschaulichen die erniedrigende Sprache, wenn beispielsweise abwertend von ‚den Russen‘ gesprochen wird. Der Begriff der Zwangsarbeit taucht in keiner der Quellen auf.











