KUR IM KRIEG
Boom trotz oder wegen des Kriegs?
Der Kriegsausbruch führte 1939 zu einer plötzlichen Abreise zahlreicher Gäste – es kamen etwa 2.000 Gäste weniger in das Staatsbad als in der Saison zuvor. Aber: Nach erster Verunsicherung stiegen die Gäste- und Übernachtungszahlen bis 1941 wieder deutlich an. Der Fremdenverkehr brach nicht ein, denn wer wohlhabend genug war, floh vor dem Krieg in die ‚Heile Welt‘ Bad Pyrmonts.
1941 erreichten die Zahlen ihren Höchststand seit der Weltwirtschaftskrise: 26.000 Menschen besuchten das Bad – zusätzliche Betten wurden aufgebaut, Privatzimmer angeboten und die Kursaison bis in den Herbst verlängert, um noch mehr Menschen den Besuch zu ermöglichen.
In der zweiten Kriegshälfte halbierten sich die Besuchszahlen des Staatsbades auf 13.550. Grund dafür war die zunehmende Zweckentfremdung von Pensionen und Hotels zu Lazarettzwecken sowie Reisebeschränkungen. Diese Gästebeschränkungen
für Heilbäder wurden 1944 nochmal verschärft: Die Beherbergungskapazitäten von Kurorten sollten nun in erster Linie für Kranke und Verwundete zur Verfügung stehen, deren Arbeitskraft im Zusammenhang mit der Kriegsführung stand. Daher benötigten die ‚Kurbewerber‘ nicht mehr nur ein Attest, sondern sie mussten der Kurverwaltung zusätzlich Angaben zu ihrer Beschäftigung vorlegen. Trotzdem wurde versucht, den Kurbetrieb so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Ende Februar 1945 wurde er jedoch endgültig eingestellt, da alle restlichen Kapazitäten zur Unterbringung von Evakuierten genutzt werden mussten.
Ein „unveränderte(s) Pyrmont, dem der Krieg nichts hatte anhaben können“?
Kurgast Gerhard Neuhaus
In: Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 24. Dezember 1940
Mangel und Improvisation
Das Kurleben an sich war seit 1939 trotz zunächst positiver Entwicklungen durch den Krieg stark beeinflusst. Themen wie die Lebensmittelversorgung, fehlende Arbeitskräfte, die Verdunklung im Kontext des Bombenkrieges oder auch neue Besuchergruppen hinterließen ihre Spuren. So zwangen die Kriegsbedingungen im Kurort häufig zur Improvisation.
Bei ihrer Ankunft wurden die Kurgäste beispielsweise mit speziellen Lebensmittelkarten ausgestattet, die ihre Versorgung auch im Urlaub sichern sollten. Und die Einberufung vieler Bürger Bad Pyrmonts führte dazu, dass Ehefrauen und Familienmitglieder Geschäfte oder Fremdenheime übernahmen, oder diese schließen mussten. Andere fehlende Arbeitskräfte, beispielsweise im Kurbetrieb, wurden durch Zwangsarbeiter ersetzt. Und auch beim Unterhaltungsangebot kam es kriegsbedingt zu Einbußen.
„Hafer spart Benzin“
Ein Beispiel von improvisierter ‚kriegsgemäßer Ressourcennutzung’ war das Einsetzen von Pferdedroschken ab Sommer 1940. Die Kurzeitung berichtete, dass statt Taxen nun Kutschen eingesetzt werden. „Hafer spart Benzin“ – so die einfache Begründung. Die Kurzeitung setzte diese Änderung in einen positiven Kontext und stellte den Gästen die Änderung als besonderes Erlebnis dar: Ein in der Kutsche sitzender Gast merke „spürbar den Unterschied zwischen dem nun beginnenden Erholungsurlaub und der Großstadt- und Arbeitshetze.“ Nach erster Skepsis würde aus dem Verkehrsmittel ein Freund werden, so der Autor.
Verdunklung und Bombenkrieg
Auch die Angst vor Luftangriffen und die Verdunklung zum Schutz vor ebendiesen prägte das Kurleben im Krieg. Ein häufiges Problem dabei war, dass die Einwohner der Stadt – aber auch die Kurgäste – die Vorschriften zum Verdunkeln missachteten. Für den Fremdenverkehr galt: Nicht nur der Eigentümer eines Hauses war für die Verdunklung verantwortlich, sondern auch Hotelbesitzer und Hotelgäste. Erstere hatten die Pflicht die Verdunklung
vorzunehmen und auf die Verdunklungsvorschriften hinweisen, letztere seien für die Einhaltung der Verdunklung in
ihren eigenen Zimmern verantwortlich. Anfänglich zurückhaltende Verweise auf die Verdunklungspflicht wurden schnell schärfer kommuniziert. Missachtungen der Verdunklungsvorschrift und unzureichende Verdunklung sollte in Bad Pyrmont ab 1940 polizeilich wie juristisch geahndet werden. Teilweise kam es zu nachbarlichen Konfrontationen, denn eine schlechte Verdunklung bedeutete schließlich Lebensgefahr für alle ‚Volksgenossen‘. Bad Pyrmont selbst wurde dabei nie das Ziel von alliierten Bombenangriffen. Die Bombardierung des nahegelegenen Bückeberges 1940 führte allerdings zu Verunsicherung und Angst bei potenziellen Gästen.
„Ich muss nun (...) erklären, dass weitere Eingriffe in die Substanz des Heilbades dieses praktisch zum Erliegen bringen müssen.“
Landrat Dr. Mercker zur Lage Bad Pyrmonts im September 1943
Unterhaltung
Da viele Musiker für den Kriegsdienst eingezogen waren, schrumpften die Besetzungen von Kapellen und Musikgruppen. Und auch andere kriegsbedingte Einschränkungen führten dazu, dass die großen Bälle, Modenschauen, Turniere und die Tanztees ausfallen mussten. Das aufgrund des Krieges 1940 verhängte allgemeine Tanzverbot galt auch in Kurorten wie Bad Pyrmont.
In den ersten Kriegsjahren gelang es allerdings noch ein musikalisches Unterhaltungsprogramm anzubieten, das an die vergangenen Bad Pyrmonter Musikstandards anknüpfte: Sinfoniekonzerte, Kammermusik, Bekanntheiten der deutschen Musikwelt, Militärmusik sowie absichtlich heiter gestaltete Veranstaltungen sollten vom Krieg ablenken und gute Laune verbreiten.
Mit dem Rückgang des allgemeinen Kurbetriebes ab 1942 gingen parallel auch die finanziellen Aufwendungen der Kurverwaltung für die Gästeunterhaltung zurück. Damit nahm auch die Zahl und Qualität der Veranstaltungen ab.
Wer kam noch?
Während des Krieges kam es in Bad Pyrmont immer wieder zu Konflikten um die Beherbergungskapazitäten. Noch bis Anfang 1942 standen Heilungssuchenden insgesamt etwa 4.120 Betten zur Verfügung. 1942 kam es allerdings zu einer erheblichen Erweiterung des in der Stadt eingerichteten Lazarettes, die im Kurbetrieb und bei der Vermietung erstmals zu Einschränkungen führte. Viele der Betten wurden nun von Verwundeten belegt. 1943 standen dem Kur- und Fremdenverkehr nur noch knapp ein Drittel zur Verfügung.
Betten, die nicht von der Wehrmacht beschlagnahmt waren, wurden darüber hinaus zur Unterbringung von ‚Bombenflüchtlingen‘ genutzt: Menschen, die durch alliierter Bombenangriffe ihr Zuhause verloren hatten. Kurgäste konkurrierten mit Lazarettpatienten, Besuchern der verwundeten Soldaten und Ausgebombten um die zur Verfügung stehenden Betten. Die Stadt- und Kurverwaltung versuchte stets die Zahl der
Nicht-Kurgäste möglichst gering zu halten, um mehr Betten für den Kurbetrieb freihalten zu können. In der Praxis konnte dies nicht umgesetzt werden: 1943 beherbergte die Stadt 912 ‚Bombenflüchtlinge‘, im Mai 1944 befanden sich etwa doppelt so viele in Bad Pyrmont.
Sie kamen vor allem aus Hannover, Bremen und Hamburg.
Ende des Kurbetriebs
Im Oktober 1943 wurde der Aufenthalt für Kurgäste mit sofortiger Wirkung auf vier Wochen beschränkt. Trotzdem sollte Bad Pyrmont weiterhin für die Behandlung
Kranker und in kriegswichtigen Bereichen eingesetzten Arbeitern genutzt werden.
Im Juni 1944 waren neben 3.000 Verwundeten, noch 800 Kurgäste, beispielsweise Rüstungsarbeiter, und 1.900 ‚Bombenflüchtlinge‘ in der Stadt. Das Festhalten der Stadt- und Badverwaltung am Kurbetrieb änderte jedoch nichts daran, dass er zum 1. März 1945 zum Wohle der Unterbringung von evakuierten ‚Volksgenossen‘ eingestellt werden musste.
Bis Kriegsende waren in Bad Pyrmont über 120 Gebäude der Stadt zweckentfremdet:
Kinderheime, Turnhallen, Hotels und Schulen beherbergten Geflüchtete, ‚Ausgebombte‘, Kriegsverletzte und viele mehr.







