Bernhardine Blümel (1900-1990)
Ärztin in Bad Pyrmont seit 1938
Bernhardine Blümel (1900-1990) war Ärztin in Bad Pyrmont und prägte durch ihre Person und ihre Klinik das Leben der Stadtgemeinschaft. Sie gründete 1928 gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Praxis in Berlin und arbeitete nebenbei fast zehn Jahre als Rettungsärztin. 1938 ließ sie sich scheiden und kam als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern nach Bad Pyrmont. Ab dann arbeitete sie als praktische Ärztin- und Badeärztin vor Ort. Zeitweise wohnte und praktizierte Blümel in der Schlosstraße 9. Nach Kriegsende war Blümel im Stadtrat von Bad Pyrmont tätig und wirkte an der Wiedergründung des Deutschen Ärztinnenbundes mit, bei dem sie von 1950 bis 1960 Kassenführerin war.
„Zuerst sind alle ziemlich gegen meine Mutter gewesen (...) ‚Was will die Frau hier mit den fünf Kindern? Die soll sich eine Kur machen, aber die soll doch nicht Ärztin sein‘ (...), und sie hat das alles nachher hier hochgehalten (...).“
Eva Blümel erinnert sich an Ihre Mutter, 2024
Medizinische Versorgung zu Kriegszeiten
Mit Kriegsbeginn wurden viele Ärzte sofort in die Wehrmacht einberufen. Als eine von drei Ärztinnen versorgte Blümel die Bevölkerung Bad Pyrmonts und hatte zeitweise die größte Kassenpraxis der Stadt. Doch 1940 wurde ihr der kassenärztliche Verpflichtungsschein mit sofortiger Wirkung entzogen, da sie für die – vermutlich nach den ersten Kriegserfolgen wiederkehrenden Ärzte – eine Konkurrenz um Patienten und Verdienst darstellte. Durch den Verlust dieser Zulassung, hätte sie nur noch Privatpatienten behandeln können und alle ihre Kassenpatienten hätten mitten in der Behandlung die Praxis wechseln müssen. Diese beschwerten sich daher bei Bürgermeister Zuchhold und sammelten in ihrer Unzufriedenheit sogar über fünfzig Unterschriften. Gerade die arbeitende Bevölkerung Holzhausens wünschte sich die weitere Zulassung Blümels. Sie genoss „größtes Ansehen und größtenAchtung“ bei ihren Patienten, um die sie sich hingebungsvoll kümmerte. Tatsächlich setzte sich auch Zuchhold mit Unterstützung des Landrats dafür ein, Blümel ihre Zulassung wiederzugeben. Dabei ging es ihm vor allem um die ärztliche Versorgung der Bevölkerung, auch im Hinblick auf eine potenzielle erneute Einberufung der Ärzte. Letztlich wurde dieser Konflikt zu Blümels Gunsten entschieden und sie erhielt die Erlaubnis ihre Kassenpatienten weiter zu behandeln.
Anpassung und Ambivalenz
Nach Kriegsende wurde Blümel von der alliierten Militärregierung als Bürgermeisterin angefragt. Sie wollte ihre Praxis allerdings nicht aufgeben und lehnte ab. Stattdessen wurde sie eine von mehreren Stadträten. Ihre Tochter beschrieb Blümel als „weltmännische“ und „großzügige“ Frau, die ‚Feindsender‘ hörte und die antisemitische Maßnahmen kritisierte. Durch ihre Mithilfe wurde außerdem die Deportation einer jüdischen verhindert, indem sie sie als transportunfähig erklärte. Gleichzeitig hielt sie als Ärztin einen Aufklärungsvortrag beim BDM in Hameln und erhielt im Haushalt Unterstützung von der ukrainischen Zwangsarbeiterin Paraskevia Gronyk.
Dieses widersprüchliche Verhalten zeigt einen gewissen Handlungsspielraum, den die Menschen im Nationalsozialismus haben konnten. Teile der Bevölkerung bewegten sich in einem komplexen Feld aus Anpassung, Überzeugung, (un-)moralischem Handeln und Opportunismus. Die individuellen Handlungsentscheidungen der Menschen lassen sich oftmals nicht in bestimmte Kategorien einordnen.



