Reichserntedankfeste

DIE REICHSERNTEDANKFESTE

Zeichnung Malte Wulf

Das erste Reichserntedankfest

Nach der ‚Machtübernahme‘ wurde erst kurzfristig entschieden, wo das Reichserntedankfest stattfinden sollte. Dass auch Bad Pyrmont bei den Überlegungen eine Rolle spielte, ließ sich spätestens im August 1933 erahnen, als Mitarbeiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), darunter Leopold Gutterer (späterer Staatssekretär im RMPV), Bad Pyrmont besuchten und von Kurdirektor Gallion durch die Kur-anlagen geführt wurden. Dieser Besuch könnte den Ausschlag gegeben haben, Bad Pyrmont als Quartier für zentrale Personen der Reichsregierung zu wählen. Die Entscheidung für den Bückeberg gaben Propagandaminister Goebbels und Reichsernährungsminister Darré zwei Wochen vor der Veranstaltung am 16. September 1933 bekannt.

Die Vorbereitungen vor Ort und die Propagandamaschinerie liefen schnell an: Ende September organisierte das RMVP eine Pressefahrt, die von Berlin aus auch nach Bad Pyrmont führte. Die Anwesenheit von Propagandaminister Goebbels und des damaligen preußischen Kultusministers Rust schien zu diesem Zeitpunkt bereits sicher. Die Stadt plante für diesen Anlass die Beleuchtung der Kirchen, des Kriegerdenkmals und des Schlosses. Die Bevölkerung wurde darauf hingewiesen, dass die Stadt selbstverständlich mit Flaggen und Blumen geschmückt werden sollte. Die Vorbereitungen zur Ausschmückung der Stadt lagen in den Händen des Bürgermeisters Zuchhold, des NSDAP-Ortsgruppenleiters Fuchs und des Ortspropagandaleiters Möhle. 

„Bad Pyrmont ist nicht wiederzu-
erkennen.“
Langenberger Zeitung, 1933   

Reichserntedankfeste

Von 1933 bis 1937 fanden auf dem Bückeberg bei Hameln die Reichserntedankfeste statt. Die nationalsozialistische Führung unter Adolf Hitler inszenierte die Verbundenheit des NS-Staates mit dem deutschen Bauerntum. Neben der Feier zum Tag der Arbeit am 1. Mai und den Reichsparteitagen in Nürnberg waren die Reichserntedankfeste die dritte große Propagandaveranstaltung des Nationalsozialismus mit bis zu 1,2 Millionen Besuchern.

 

Deister- und Weserzeitung vom 26.09.1933 | 
www.dewezet.de

„Zeigt Fahnen und Festschmuck“

Über die Zeitung ließen Bürgermeister Zuchhold, NSDAP Ortsgruppenleiter Fuchs und Propagandaleiter Möhle bekanntgeben, wie sich auch die Bad Pyrmonter Bevölkerung an der Ausschmückung der Stadt zu beteiligen habe. 
 

Foto: Museum im Schloss

„Der Führer auf dem Bückeberg bei Bad Pyrmont (Erntedankfest 1935)“

Das Foto dieser Postkarte stammt von Bürgermeister Zuchhold und zeugt davon, dass er auch hier sein Geschick im Bereich der Propaganda nutzte. Die Postkarte stellte bewusst eine Verbindung der Reichsernte-
dankfeste mit Bad Pyrmont her, um die Werbewirkung des nahe gelegenen Bückebergs zur Unterstützung des eigenen Fremdenverkehrs zu nutzen. 

 

Foto: Dokumentations und Lernort Bückeberg gGmbH

Überwältigende Massenveranstaltung

Wie sehr das Fest am Bückeberg in den Alltag der Bad Pyrmonter hineinspielte, belegt auch folgender Zeitzeugenbericht eines Bad Pyrmonter Schülers anlässlich eines Klassentreffens im Juli 2005:

„So hatte unsere Gärtnerei den Auftrag, zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg die Straßen von Pyrmont mit Strohgirlanden und Strohkränzen zu schmücken. Wochenlang wurden Hunderte von Metern Girlanden und viele Kränze gebunden. Wir Kinder stellten aus Krepppapier Mengen an Margeriten, Mohn- und Kornblumen her und waren am Tag vor dem Erntedankfest nach getaner Arbeit ebenso wie unsere Eltern so müde, dass wir auf dem Stroh im Arbeitsraum einschliefen. Am nächsten Morgen aber waren wir um fünf Uhr auf den Beinen, um mit dem ersten Sonderzug zum Bückeberg zu fahren. Wir mussten dabei sein, wenn der Führer sprach und waren beim Manöver der Wehrmacht beeindruckt von den neuesten Waffensystemen.“

Rückblickend bewertet der Zeitzeuge die Teilnahme am NS-Reichserntedankfest so: „Nach dem Kriege gab es neben den wenigen Angeklagten nur Mitläufer. 
Wir sind mitgelaufen, aber wir haben auch ‚Heil‘ geschrien und waren glücklich, bei den Großveranstaltungen des Regimes dabei zu sein.“

Eintopfsonntag

Am 1. Oktober 1933 wurde der ‚Eintopfsonntag‘ eingeführt, der während des NS-Regimes jeweils am ersten Sonntag der Monate Oktober bis März stattfand. Die Bevölkerung und Restaurants waren auf Anordnung der Reichsregierung verpflichtet, nur einfache Eintopfgerichte zu verzehren oder anzubieten. Der Differenzbetrag zum höheren Preis einer gewohnten Sonntagsmahlzeit sollte dem Winterhilfswerk gespendet werden. 
Dies lieferte schnell sichtbare Erfolge bei der Bekämpfung der Folgen von Arbeitslosigkeit und Armut.

 

„Alle Hotels, einschl. das Kurhotel, sind ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie ein Eintopfgericht zu reichen haben.“ 
Bürgermeister Hans Zuchhold, 1933

Foto: Museum im Schloss

Der Eintopfsonntag in der Bad Pyrmonter Gastronomie

Die kurzfristige Einführung des Eintopfsonntags im Vorfeld des ersten Reichserntedankfestes scheint in den Bad Pyrmonter Gasthäusern und Hotels für Irritationen gesorgt zu haben. Zwei Tage vor dem ersten Reichserntedankfest teilte Bürgermeister Zuchhold mit: „Alle Hotels, einschl. das Kurhotel, sind ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie ein Eintopfgericht zu reichen haben. Ich werde mit Ausweis versehene Personen feststellen lassen, 
wer gegen diese Anordnung der Reichsregierung verstößt.“

Die Richtlinien des Reichseinheitsverbandes des Deutschen Gaststättengewerbes und des Reichsführers des Deutschen Winterhilfswerks sahen drei Klassen von Gaststätten für die Berechnung der Spenden vor: einfache Gastwirtschaften, 
in denen das Eintopfgericht 60 Reichspfennig kostete, bürgerliche Gasthäuser und Hotels sowie Eisenbahnen, in denen der Eintopf 100 Reichspfennig kosten sollte, sowie erstklassige Gasthäuser und Luxushotels, in denen sich der Preis an den üblichen Menüpreisen orientierte. In den ersten beiden Kategorien hatten die Gaststätten 50 Reichspfennig an das Winterhilfswerk abzuführen, bei den erstklassigen Häusern waren es 4,50 Reichsmark. Die Herstellungskosten wurden von den Gastwirten selbst getragen, durften aber 40 Reichspfennig nicht übersteigen. Bei Veruntreuung drohte Zuchthaus bis zu 5 Jahre.

Die Bad Pyrmonter Gastwirte hatten sich durch die vielen zusätzlichen Gäste während der Reichserntedankfeste finanzielle Vorteile erhofft. Diese Hoffnung dürfte durch die kurzfristige Einführung des ‚Eintopfsonntags‘ gedämpft worden sein. Dazu kam der organisatorische Aufwand.  Die Strafandrohungen verdeutlichen zudem den Unterschied zwischen der schönen Fassade der Propagandaveranstaltungen und den dahinter liegenden Konfliktfeldern zwischen Organisationsleitung und lokaler Bevölkerung. 
 

Die Reichserntedankfeste 1935-37

Während die ersten beiden Reichserntedankfeste ein großes mediales Echo hervorriefen, findet sich zu den späteren Festen deutlich weniger Berichterstattung. Dies mag daran liegen, dass sich das Rahmenprogramm änderte und Goslar als ‚Reichsbauernstadt‘ eine größere Bedeutung zukam. Dadurch war Bad Pyrmont logistisch weniger günstig gelegen. Erwähnt wird 1935 allerdings eine von der NASDAP organisierte ‚Oberbayerische Sonderfahrt‘ zum Bückeberg mit 1.400 Personen, die bis spät in die Nacht mit Gesang und Tanz für Aufmerksamkeit sorgten.

Zu 1937 liegen dagegen wieder mehr Zeitungsberichte vor und auch eine Ausgabe der Kurzeitung widmete sich fast ausschließlich dem Großereignis. Mehrere NS-Funktionäre bezogen Quartier in Bad Pyrmont, darunter Propagandaminister Joseph Goebbels, Reichsminister Hans Frank, der Führer der Leibstandarte Adolf Hitler, Sepp Dietrich, der SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln sowie die Bürgermeister von Leipzig und Dresden. Dem Bürgermeister von Bad Pyrmont Hans Zuchhold kam bei diesem letzten Fest eine besondere Rolle zu: er empfing Gäste des Diplomatischen Korps am neuen Bahnsteig in Bad Pyrmont und begleitete sie zu dem Festgelände.

Auch für die Besucher des Kurortes wurden Anstrengungen unternommen, um ihnen die Attraktionen des Ortes und der Umgebung bei Ausflugsfahrten zu zeigen. Durch Zusatzangebote sollten sie zu längeren Aufenthalten an die Stadt gebunden und auch nach dem traditionellen Saisonende am ‚Goldenen Sonntag‘ nach Bad Pyrmont gelockt werden. 
 

Foto: Museum im Schloss

„Auto Pyrmont. Dort riecht es nach Erotik. Unangenehm! Wir machen einen wunderbaren Spaziergang durch den Palmengarten. Parlavere viel mit den Leuten.“ 
Joseph Goebbels in seinem Tagebuch am 6. September 1935

Foto: Museum im Schloss

NS-Eliten in Bad Pyrmont

Die Anwesenheit höherer NS-Funktionäre beschränkte sich im ersten Jahr auf die Abendstunden und den Folgetag. Die Vorverlegung des zweiten Bückeberg-Festes 1934 auf die Mittagsstunden sorgte dann für ein öffentlichkeitswirksames Schaulaufen von Mitgliedern der Reichsregierung vor dem Kurhotel. Neben den auf den Fotos zu sehenden Personen, 
weisen Zeitungsberichte auf die Anwesenheit weiterer NS-Funktionäre hin: Auch Reichsführer-SS Heinrich Himmler und Führer des NS-Kraftfahrkorps Adolf Hühnlein, SS-Oberführer Josef Dietrich, der die Polizeioberleitung für das Erntedankfest innehatte, sowie der Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky waren vor Ort. Das Kurhotel blieb auch in den Folgejahren das Quartier wichtiger NS-Funktionäre.

 

 

Adolf Hitler in Bad Pyrmont?

Im Vorfeld des ersten Reichserntedankfestes wurde vermutet, dass auch Adolf Hitler in Bad Pyrmont übernachten würde, was jedoch nicht zustande kam. Allerdings hielt sein Zug – zumindest einmal – am Bad Pyrmonter Bahnhof, wie diese Fotos belegen. Bad Pyrmont spielte jedoch bei der Unterbringung hochrangiger Regierungsvertreter eine besondere Rolle. 
 

Joseph Goebbels am Kurhotel | Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Rundfunk aus dem Kurhotel

Eine wichtige Rolle bei der Inszenierung des ersten Reichserntedankfestes spielte unter anderem der Rundfunk. Im Gegensatz zur Presse, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig unter der Kontrolle der Nationalsozialisten stand, befand sich der Rundfunk bereits seit 1932 mehrheitlich unter staatlicher Kontrolle und wurde schon vor der ‚Machtübernahme‘ der Nationalsozialisten von den Reichsregierungen genutzt. So kam dem Rundfunk als Instrument der nationalsozialistischen Propaganda eine besondere Bedeutung zu. Am 1. Oktober 1933 strahlte der Rundfunk um 7.45 Uhr eine Reichssendung ‚Aus dem Kurhotel in Bad Pyrmont‘ aus, in der Josef Goebbels den Erntedanktag eröffnete. Nach seiner Eröffnungsrede spielte die Kurkapelle unter der Leitung von Walter Stöver. 
Die weitere Programmgestaltung war thematisch auf die Inszenierung des Erntedanktages ausgerichtet und verfolgte live die Ankunft Hitlers in Hannover, seine Weiterfahrt nach Hameln und seine Ankunft auf dem Bückeberg.

Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Bernhard Rust (Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung) und Werner von Blomberg (Reichswehrminister) vor dem Kurhotel, 29./30. September 1934

Am Montag nach dem ersten Reichserntedankfest wurde Bernhard Rust – damals noch preußischer Kultusminister, später Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung – der Ehrenbürgerbrief Bad Pyrmonts verliehen. Es ist wahrscheinlich, dass Hans Zuchhold das Reichserntedankfest und die Anwesenheit Rusts und anderer NS-Funktionäre bewusst nutzte, um die Ehrung öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Danach taufte Rust im Kurpark vor dem Musikpavillon zwei Segelflugzeuge, die die Namen ‚Karl Dinklage‘ und ‚Hermann Göring‘ erhielten. Im Vorfeld hatte man vermutet, dass Hermann Göring selbst das auf ihn getaufte Segelflugzeug einweihen würde.
 

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