Musikbad

DAS MUSIKBAD BAD PYRMONT

Foto: Museum im Schloss

Das ‚Musikbad‘ Pyrmont

Bad Pyrmont hat eine lange Tradition als ‚Musikbad‘. Angefangen mit Konzerten in Musikpavillons auf der Hauptallee im frühen 18. Jahrhundert, über eines der ersten ‚Musikfeste‘ 1825 bis hin zu Konzerten unter dem bekannten Dirigenten Fritz Busch in den 1910er Jahren. Schon immer war das anspruchsvolle Musikprogramm hier ein zentraler Bestandteil der Kur.

1911 war es im Musikleben zu einer grundlegenden Veränderung gekommen: Arnold Schönberg (1874-1951) veröffentlichte seine Harmonielehre der Zwölftonmusik, bei der innerhalb einer Komposition alles aus den 12 Halbtönen einer Tonleiter entsteht. Das bedeutete, dass es keine üblichen Tonartenfolgen und keine Unterscheidung zwischen Dur und Moll mehr gab. Diese ‚Emanzipation der Dissonanz‘ mit ihrem nun erweiterten Klangbild wurde von der jungen Komponistengeneration in den 1920er Jahren als ‚Neue Musik‘ weiterentwickelt.

Ein Großteil des bürgerlichen Konzertpublikums sah sich im Chaos der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zum einen durch die sog. Atonalität herausgefordert, zum anderen aber auch noch durch die Einflüsse des Jazz irritiert. Jazz wurde – auch in Bad Pyrmont – vielleicht als ‚Unterhaltungsmusik‘ geschätzt, sollte aber keinen Eingang in den Bereich der ‚Ernsten Musik‘ finden. Diese Vermischung der Bereiche von ‚U‘ und ‚E‘-Musik wurde zudem als Angriff auf das ‚Deutsche‘ schlechthin empfunden. Galt doch gerade nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs Musik als kulturelles Alleinstellungsmerkmal und tiefster Ausdruck des ‚deutschen Wesens‘.

 

„Neue künstlerische Tendenzen mögen vielen Zeitgenossen unbequem sein; das besagt nichts gegen ihren Wert und ihre fortwirkende Kraft. Entscheidend für den Wert eines Werkes ist sein mehr oder weniger großer Reichtum an Erfindung, an ‚Musik‘ schlechthin, nicht aber seine klangliche Erscheinungsform.“
Walter Schrenk, Kritiker der ‚Deutschen Allgemeinen Zeitung‘ 1930

Walter Stöver | Foto: Museum im Schloss

Walter Stöver

Die Musikszene Bad Pyrmonts erlebte in den 1920er Jahren durch die Verpflichtung der Dresdner Philharmoniker als Kurorchester einen enormen Aufschwung. Maßgeblich war der neue Erfolg auch der Verdienst des Ersten Kapellmeisters Walter Stöver, der sich als Generalmusikdirektor für die Kur engagierte. Dies änderte sich auch mit den wirtschaftlichen und politischen Krisen ab den späten 1920er Jahren nicht.

Im Mai 1930 hatte die Kurverwaltung mit einem Sonderkonzert der ‚Dresdner Philharmoniker‘ unter Walter Stöver eine ‚Amerika-Kulturwoche‘ ins Leben gerufen. Ziel war es, „(...) in einer Reihe die Völker durch den Austausch der geistigen Güter einander näher zu bringen.“

Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 17. Juli 1930

Musikfest der ‚Internationalen Gesellschaft für Neue Musik‘ (IGnM)

Auf Initiative des Kurdirektors Georg Gallion fand am 18. und 19. Juli 1930 das Musikfest der deutschen Sektion der IGnM statt. Die in dieser Notzeit alles andere als selbstverständliche Finanzierung dieses Kulturfestivals für junge Komponisten hatten Mäzene der IGnM und der Ministerialrat Leo Kestenberg (1882-1962) vom Preussischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ermöglicht.

Heinrich Strobel, Mitarbeiter der Fachzeitschrift ‚Melos‘ schrieb über Hans Helfritz, einen der Teilnehmer des Musikfestes 1930: „(…) Lockere, eingängliche Melodik verbindet Hans Helfritz in seinem Cembalokonzert sehr glücklich mit klassizistischer Haltung. Ein leichtes, durchsichtiges Werk mit reizenden Einfällen, ein bißchen dünn, aber sehr geschickt gesetzt.“

Hans Helfritz (1902-1995) war Komponist, Musikethnologe, später auch Reiseschriftsteller und Filmemacher.

Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 2. Juli 1931

Musikfeste 1931

Das zweite Musikfest der IGnM fand am 4. und 5. Juni 1931 statt. Vom 2. bis 6. Juli fand außerdem ein Musikfest des Reichsverbands deutscher Tonkünstler und Musiklehrer statt sowie eine ‚Holland-Woche‘ vom 19. - 24. Juli.

Eröffnet wurde das Musikfest der IGnM mit dem 1930 gedrehten Tonfilm ‚Der Mörder Dimitri Karamasoff‘ von Fjodor Ozep und Erich Engel nach Dostojewskij. Die Filmmusik stammte von Karol Rathaus, einem der ersten ‚ernsten‘ Komponisten, der für das neue Medium Tonfilm arbeitete.
 

Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 4. Juni 1931

‚Cress ertrinkt‘

Am Abend des 4. Juni fand die Uraufführung von ‚Cress ertrinkt‘, einem ‚Schulspiel mit Musik‘ des erst 23-jährigen Wolfgang Fortner statt. In dieser Schuloper für Soli, Chor und Orchester waren die Ausführenden Schülerinnen und Schüler der Wuppertal-Elberfelde Kurrende und des Realgymnasiums Bad Pyrmont beteiligt.
 

Neue Musik

Die Neue Musik wurde nicht von allen willkommen geheißen. Viele konservative Konzertbesucher sahen die Neue Musik als Bedrohung für die ‚ernsthafte deutsche Tonkunst‘. Nach dem empfundenen Verlust ihrer nationalen Identität nach Ende des Ersten Weltkriegs schien ihnen die Musik der Klassik und Romantik das Einzige zu sein, was ihnen noch geblieben war. Aus diesem empfundenen Minderwertigkeits- und Bedrohungsgefühl erwuchs eine starke Ablehnung gegenüber der Neuen Musik, die vor allem aus den USA kam.


Diese Auffassung übernahmen auch die Nationalsozialisten. Nach der ‚Machtübernahme‘ wurde das Musikprogramm in Bad Pyrmont schon früh grundlegend an das NS-Regime angepasst. Trotzdem flossen immer wieder Elemente aus der früheren Offenheit mit ein. Die Entwicklung des Musiklebens in Bad Pyrmont zeigt das Spannungsverhältnis zwischen Anpassung und dem Festhalten an der früheren Weltoffenheit.

 

„Dass Bad Pyrmont als Vorort moderner Musikaufführungen durch die Arbeit unseres Generaldirektors Walter Stöver in den letzten Jahren einen guten Klang bekommen hat, müssen selbst große Städte wie Hannover etc. uns neidlos zugestehen.“
Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont 15. September 1932

Veränderungen 1932

In dem Krisenjahr 1932 fehlten die wirtschaftlichen Mittel, um ein 3. Musikfest der IGnM auszurichten und auch die Reihe ‚Kulturwochen der Völker‘ war eingestellt worden. Nur noch die Sinfoniekonzerte mit Walter Stöver standen auf dem Programm. Anfang August 1932 wurde zwar ein ‚Sonderkonzert mit Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Werke‘ gegeben, die gespielten Stücke gingen jedoch allesamt mehr in eine gemässigt-moderne bzw. neoklassische Richtung. Viele der Komponisten waren bereits rechtskonservativ ausgerichtet: so Paul Graener (1872-1944), mit seinem Stück ‚Flöte von Sanssouci‘. Die Wahl des Titels verweist auf die Verklärung des ‚alten Preussen‘ unter Friedrich II. Graener war 1930 in den ‚Kampfbund für deutsche Kultur‘ eingetreten, wurde im April 1933 Mitglied der NSDAP und bekleidete als überzeugter NS-Kulturideologe hohe Ämter in der ‚Reichsmusikkammer‘.

Auch Paul Höffer (1895-1949) komponierte später u. a. eine ‚Olympiahymne‘ für 1936 und erhielt den Staatspreis. Oder Hermann Unger (1886-1958), der zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied der NSDAP und des ‚Kampfbunds für deutsche Kultur‘ war. Später hatte er u. a. das Amt des ‚Landesleiter Rheinland‘ in Köln inne. Noch später erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Im September 1932 gab es im Konzerthaus ein Sonderkonzert der Dresdner Philharmoniker mit dem später von den Nazionalsozialisten spektakulär abgesetzten Fritz Busch (1890-1951). Er dirigierte eine Voraufführung seines Konzertprogramms für die ‚Musik-biennale in Venedig‘ im Herbst 1932.

Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 2. August 1932

„Die Pflege der deutschen Musik, als das allen aufgeschlossenen Menschen leicht zugänglichste edelste Kulturgut, soll im dritten Reiche eine den Führern besonders am Herzen liegende Angelegenheit werden. Hier gibt es auch für Pyrmont eine große Aufgabe, die mit Unterstützung der Regierungsstellen gelingen muss.“ 
Pyrmonter Zeitung, September 1933

Das Musikbad nach der ‚Machtübernahme‘

Nach der ‚Machtübernahme‘ der Nazionalsozialisten sollte die Tradition des renommierten Musikbades fortgeführt werden. Kurdirektor Gallion – später zum ‚Musikbeauftragten‘ ernannt – hatte die Zeichen der Zeit schon 1932 erkannt und das kommende ‚Musikfest‘ vom ‚Kampfbund für deutsche Kultur‘ (KfdK) ausrichten lassen, dem einige der Komponisten angehörten.

Mit Walter Stöver am Dirigentenpult wurde das neue Programm am 15. und 16. August 1933 unter dem Titel ‚Das neue Deutschland in der Musik‘ aufgeführt. Nachfolger von Walter Stöver wurde 1934 Kurt Barth vom ‚Städtisches Orchester Flensburg‘ und die ‚Dresdner Philharmoniker‘ waren durch das neu gegründete ‚Niedersächsächsisches Landes-Sinfonieorchester‘ ersetzt. 1935 übernahm der Leiter der Musikakademie in Hannover, Fritz Lehmann (1904-1956) den Posten des Chefdirigenten. Ziel der kulturpolitischen Ausrichtung war es, sowohl ‚leichte‘ als auch ‚ernste‘ Musik anzubieten. Die 1936 im Kurpark gespielten ‚Serenaden‘ waren ein Beispiel dieser zeitgenössisch-volkstümlichen, leicht konsumierbaren Unterhaltungsmusik. Auch Tanzdarbietungen in der Nähe des Teehauses gehörten in diese Kategorie. Zeitgenössische deutsche Musik, sollte einerseits weder bürgerlich-elitär, d. h. in der Klangtradition der Spätromantik stehen, noch zu avantgardistisch nach der als ‚jüdisch-zersetzend‘ bezeichneten Atonalität der Schönbergschule klingen.
 

Kur- und Fremdenzeitung Bad Pyrmont, 9. August 1931

Anzeige für ein Konzert der Comedian Harmonists 1931

Bei ihrem Auftritt 1938 im Konzerthaus nannten sie sich „Meister-Sextett“ – jetzt ohne ihre jüdischen Kollegen.

 

Dr. Ernst Stutzmann | Foto: Museum im Schloss
Kur- und Fremdenliste Bad Pyrmont, 30. August 1936

Musikalisches Unterhaltungsprogramm

Beim Musikfest 1936 wurde unter Fritz Lehmann und mit dem ‚Niedersächsischen Landes-Sinfonieorchester‘ an vier Tagen „neue, unterhaltsame Musik“ präsentiert. Ziel sollte sein, bei den Zuhörern den Erholungseffekt der Kur zu unterstützen und zugleich aber auch eine „sittliche Erneuerung“ zu bewirken.

‚Ernste Musik‘ im Sinne bürgerlicher Erbauung blieb den Sinfoniekonzerten vorbehalten, in denen man vor allem Werke der deutschen Klassik und Romantik als dem ‚Gipfel deutscher Musikausübung‘ spielte. Militärmusik – die schon vor 1933 Teil des musikalischen Unterhaltungsprogramms gewesen war – gab es dagegen seltener – dafür wurde sie aber von Kapellen der Parteigliederungen wie beispielsweise dem lokalen Bad Pyrmonter SA-Sturm 164 oder dem ‚Musikkorps der SS-Leibstandarte A. Hitler‘ in Uniform dargeboten.

Es wurde weiterhin ein betont ziviles, ideologiefreies Konzertleben gepflegt, ohne das bürgerliche Kurpublikum durch eindeutige politische Propaganda zu verschrecken. So konnten sogar noch bis 1936 vereinzelt Konzertstücke der verfemten jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy und Anton Rubinstein gespielt werden. Gleichzeitig engagierte man bekannte Musikstars wie den Geiger Siegfried Borries, den berühmten Sänger Heinrich Schlusnus oder die der Partei besonders nahestehende Pianistin Elly Ney. Dies fügte sich in die allgemeine nationalsozialistische Strategie ein, Freizeit, Unterhaltung und Kultur nicht allumfassend zu ideologisieren. Das Ziel war es, die ‚Volksgemeinschaft‘ über vermeintlich politikferne Bereiche wie Freizeit und Konsum erfahrbar zu machen und sich die Akzeptanz in der Bevölkerung zu sichern.
 

Zeichnung Malte Wulf

Das Schauspiel

Verglichen mit dem Renommee, das Bad Pyrmont als ‚Musikbad‘ hatte, war die Bedeutung des hiesigen Schauspiels seit 1925 immer mehr zurückgegangen. 1929 war die letzte Spielzeit gewesen, in der ein festes Ensemble (vom Nationaltheater Weimar) auf der Bühne im Kurtheater gestanden hatte. Danach wurde es nur noch für Gastspiele wechselnder Ensembles genutzt. 1932 schuf man die Möglichkeit, dort auch Filme zu zeigen. 1930 war im Rahmen der ‚Amerikawoche‘ vom Weimarer Ensemble Zuckmayers ‚Katherina Knie‘ und ‚Geschäft mit Amerika‘ von Paul Frank und Ludwig Hirschfeld aufgeführt. Mit dabei im Ensemble: Emmy Sonnemann, die spätere Ehefrau Hermann Görings. Der Intendant Dr. Franz Ulbrich, von 1917 bis 1923 erfolgreicher Leiter des Schauspielhauses Bad Pyrmont, hatte sie engagiert. Im März 1933 ging Sonnemann mit ihm dann nach Berlin, nachdem sie Ulbrich durch Göring zur (kurzfristigen) Intendanz am ‚Großen Schauspielhaus‘ verholfen hatte. Dort inszenierte Ulbrich am 20. April vor Hitler und der gesamten nationalsozialistischen Prominenz die Uraufführung des zentralen NS-Propagandastücks ‚Schlageter‘ von Hanns Johst. Überall kam das Stück damals auf die Bühne – so auch in Bad Pyrmont als 
Gastspiel des Stadttheaters Bielefeld. 

Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Schauspielhaus – Kurtheater

1937 wurde das ‚Schauspielhaus‘ unter Regierungsrat Hodler umfangreich umgebaut und bekam den Namen ‚Kurtheater‘. Dazu Hodler: „Es ist versucht worden, das Äußere in seiner frühen Form wieder herzustellen und die notwendigen Änderungen mit den Stilformen der damaligen Zeit in Einklang zu bringen. Eine völlige Umgestaltung hat jedoch das Innere erfahren. Wände und Decken wurden bis auf den Grund abgerissen und massiv auf einer schwimmenden Betonplatte wieder aufgebaut. Die Kassenhalle, Nebenräume und Flure sind vergrößert, die Geschosse erhöht und die Räume in einer würdigen Weise ausgestattet.“

Das neue Haus hatte nun 364 Plätze, die abwechselnde Nutzung als Gastspielbühne und Kino wurde beibehalten. Inhaltlich waren die Stücke – bis auf wenige Ausnahmen wie z. B. ‚Der Strom‘ von Max Halbe, der als ‚Blut und Boden-Stück‘ interpretierbar war – überwiegend reine Unterhaltungsware und so blieb das Theater bis zum Ende der Naziherrschaft ein Ort betont harmlosen Amüsements.
 

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