DAS KRIEGSENDE IN BAD PYRMONT
In Bad Pyrmont endetet der Zweite Weltkrieg bereits am 5. April 1945, als die Stadt kampflos an die US-Amerikanischen Truppen übergeben wurde. Maßgeblich daran beteiligt waren Chef- und Standortarzt Dr. Franz Glaser, der Lazarettpatient Leutnant Herbert Otto Weder, sowie Bürgermeister Richard Seebohm.
Bereits vor dem Einmarsch der Alliierten hatte Glaser Schilder mit roten Kreuzen und der Aufschrift ‚Lazarettstadt Bad Pyrmont‘ aufstellen lassen. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass Ortsgruppenleiter Ahrens und Kampfkommandant Krauseneck durch Soldaten, den Volkssturm und Feuerwehrmänner Straßen- und Panzersperren errichten ließen. Allerdings hatte Glaser vom Generalkommando in Hannover die schriftliche Vollmacht erhalten, die Verantwortung für die Stadt zu übernehmen. Dies führte dazu, dass Ortsgruppenleiter Ahrens seine Bemühungen aufgab und sich seine Truppen zurückzogen.
Am Morgen des 4. April flogen englische Flieger über das Tal und verlangten per Lautsprecher von den Einwohnern weiße Fahnen herauszuhängen. Am gleichen Tag zogen sich dann auch Kampfkommandant Krauseneck und seine Soldaten nach Goslar zurück.
Bei ihrem Vorrücken feuerten die US-Amerikaner vom Hagen aus drei Schüsse in Richtung Bad Pyrmont ab – dort wurden sie noch von Resten des 7. SS-Panzerregiments 3 beschossen, das anschließend Richtung Lügde floh. Getroffen wurde in Bad Pyrmont abgesehen von einer Scheune und Feldern niemand. Leutnant Herbert Weder, später Diplomat und Generalkonsul der BRD, nahm die US-amerikanischen Soldaten anschließend in Empfang. Er machte sich aus dem Lazarett mit einem Fahrrad und weißer Fahne auf den Weg den US-Truppen entgegen und geleitete sie ins Liboriushaus, wo Oberstabsarzt Glaser ihnen die Stadt offiziell übergab.
Erinnerungen an das Kriegsende
Welche Rolle Glaser und Weder bei der eigentlichen Übergabe spielten, darin unterscheiden sich die Berichte der Zeit- und Augenzeugen. Dieser Umstand verdeutlicht eines besonders: Menschen erinnern sich unterschiedlich und Zeitzeugenberichte stimmen nicht immer miteinander überein. Erinnerungen können sich über die Jahre verändern, können von Erzählungen überdeckt werden und enthalten immer die persönliche Geschichte einer Person, geprägt durch ihre individuellen Verhältnisse. Auch der zeitliche Abstand zwischen historischen Ereignis und Erzählung muss quellenkritisch betrachtet werden. Nichtsdestotrotz sind Zeitzeugenberichte eine wertvolle Quelle um sich historischen Sachverhalten zu nähern und die unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Menschen sichtbar zu machen.
Für Bad Pyrmont gibt es beispielsweise Berichte, die ganz oder überwiegend den Anteil Weders hervorheben, andere die das gemeinsame Handeln beider bestätigten und wiederum andere, die auch der Tochter Glasers eine Rolle bei der Übergabe der Stadt einräumen. Aber auch Bürgermeister Seebohm soll bei einer Besprechung im Rathaus ebenfalls entschieden haben, die Stadt friedlich zu übergeben.
Volkssturm
Der Volkssturm war ein militärischer Verband, der in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, am 18. Oktober 1944, gegründet wurde. Er bestand aus männlichen Zivilisten im Alter von 16 bis 60 Jahren, die nicht bereits in Wehrmacht, SS oder Polizei dienten. Er sollte in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs zur Verteidigung des Deutschen Reiches gegen die vorrückenden alliierten Truppen eingesetzt werden und den ‚Heimatboden‘ des Deutschen Reiches verteidigen. Der Volkssturm wurde auf Adolf Hitler vereidigt und propagandistisch als die entscheidende Reserve gegen die Alliierten aufgewertet – obwohl ihr eigentlicher militärischer Wert eher gering war. Die häufig jugendlichen Hitlerjungen und älteren Männer waren nur notdürftig bewaffnet und schlecht ausgebildet. Organisatorisch war der Volkssturm beispielsweise bei Bau- und Schanzarbeiten, Sicherungsaufgaben und der Verteidigung von Ortschaften – meist in Heimatnähe – eingesetzt. Der ungleiche Kampf gegen die überlegenen Alliierten führte zu hohen Verlusten und symbolisiert den propagandistischen Wahn der Vorstellung des ‚Endsieges‘.
„Ein junger Obergefreiter (...) nahm die Entscheidung schließlich selbst in die Hand.“
Die Quäkerin Mary Friedrich in ihrem Tagebuch
Die Ärztin Dr. Gudrun Zetzsche erinnerte sich wie folgt:
„Mein Vater rief mich (am 5. April 1945) dann aus der Zigarrenfabrik (in Holzhausen) an und sagte, er habe gerade Dr. Glaser auf der Schillerstraße in Richtung Hagener Berg fahren sehen. Er trug eine weiße Flagge unterm Arm. Und überall an den Häusern, an denen er vorbeifuhr, hängten die Menschen weiße Bettlaken aus den Fenstern. Das war das Zeichen, dass Pyrmont sich ergab und nicht kämpfen wollte. (…) Glaser fuhr mit Soldat Weder den von Hagen herabrollenden amerikanischen Panzereinheiten entgegen. In Höhe der damaligen Bäckerei Anton Schütze, heute Bäckerei Engelke, übergaben sie die Stadt an die Amerikaner: Sie erklärten ihnen, dass sie ungehindert durch die Stadt fahren könnten. Der Angriff war abgewendet.“
Die Arztsekretärin Barbara Korn beschrieb das Kriegsende in ihren Erinnerungen so:
„Nach langem Warten kam endlich der Moment, da ein großer US-Panzer in das Nebensträßchen neben dem Hause Ritter mit dem Heck zuerst fuhr, so daß man vom Turm aus den Platz beobachten konnte. Dieser Posten blieb für die nächsten Tage und Nächte besetzt. Der Oberarzt war mit seiner Tochter Maria als Dolmetscherin den amerikanischen Truppen entgegengefahren und hatte sie an der Stadtgrenze mit einer weißen Fahne erwartet, es war alles gesittet zugegangen. Man stand Rede und Antwort, da man sich lange genug auf diesen Moment vorbereitet hatte.“
Zwei weitere Personen erinnern sich daran am 5. April 1945 persönlich gesehen zu haben,
„wie Dr. Glaser und ein Feldwebel in einem Auto nach Holzhausen gefahren sind und auf der Schillerstraße an der Ecke zur Bäckerei Fritz Schütze mit einer weißen Flagge ausgestiegen seien.“
Und: „nachdem auf der Schillerstraße/Ecke Erdfällenstraße Panzersperren mit Holz und Mist errichtet worden waren, sei Herr Dr. Glaser und ein Begleiter mit dem Auto bis zur Schillerstraße/Kampstraße gefahren. Dann seien sie jeder auf ein Fahrrad gestiegen und mit einer weißen Fahne Richtung Hagen gefahren.“
Der Bad Pyrmonter Fleischwarenfabrikant Ewald Grieß lag damals mit dem Soldaten Herbert Weder im Lazarett und berichtete 1988 – 43 Jahre nach Kriegsende:
„Weder war damals Jura-Student und sprach fließend Englisch. Als er am 5. April von den anrückenden Truppen hörte, bat der den Stabsarzt Dr. Wichmann darum, den Truppen die Stadt übergeben zu können. Das wurde abgelehnt. Da hat sich Herbert Weder ein Fahrrad vom Kaiserhof und sein eigenes Bettlaken geschnappt und ist den Amerikanern mit der weißen Fahne am Hagener Berg entgegengefahren.“
Die Quäkerin Mary Friedrich beschrieb die
Situation in ihrem Tagebuch so:
„In der Zwischenzeit konnten die Leute im Rathaus (Bürgermeister Seebohm, Ortsgruppenleiter der NSDAP Ahrens und Dr. Glaser) sich nicht entscheiden, was zu tun sei. (…) Ein junger Obergefreiter (Herbert Weder), der dem allem zuhörte, während die Minuten verstrichen, nahm die Entscheidung schließlich selbst in die Hand. Er stieg auf sein Rad, jagte den amerikanischen Truppen bis zur Hagener Straße in Holzhausen entgegen, schwang ein weißes Tuch und rief: ‚We Surrender‘. Ein paar Minuten später kamen die Amerikaner zum Brunnenplatz, wo sie Dr. Glaser trafen, der sie schon erwartete …“


