DIE NACHKRIEGSZEIT IN BAD PYRMONT
Herausforderungen nach dem Krieg
Die Nachkriegszeit Bad Pyrmonts war wie in vielen anderen Städten und Regionen auch, geprägt von Lebensmittel- und Ressourcenknappheit sowie Wohnraummangel. Darüber hinaus ergaben sich spezifische Probleme aufgrund des Kurcharakters der Stadt. Die Beschlagnahmung von Wohnraum durch das alliierte Militär, die Unterbringung von Geflüchteten und Vertriebenen sowie die durch das Lazarett belegten Betten behinderten die Aufnahme des Kurbetriebes und führten zu diversen Herausforderungen.
Man fürchtete um die Existenz des Kurortes. Gleichzeitig herrschte durch die große Anzahl an Menschen in der Stadt eine hohe Arbeitslosigkeit. Im August 1947 lebten statt den vor dem Krieg etwa 10.000 Menschen, ca. 18.500 Menschen in der Stadt, darunter 9.091 Zugewanderte und Vertriebene.
Die folgenden Quellen sollen schlaglichtartig veranschaulichen, mit welchen Schwierigkeiten Stadt, Kurbetrieb und Menschen in der Nachkriegszeit konfrontiert waren. Dabei handelt es sich um eine beispielhafte Auswahl – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
„Die Ausgangsbeschränkungen und der
Mangel an menschlichem Austausch machte die Leute nervös.“
Die ehemalige Arztsekretärin Barbara Korn in ihren Lebenserinnerungen
Neubesetzungen
Bereits die einrückenden US-Amerikaner ernannten den in Bad Pyrmont im Ruhestand lebende Emil Bautz als neuen Bürgermeister der Kurstadt. Der seit 1942 im Amt befindliche Bürgermeister und pensionierte Landrat Richard Seebohm wurde zwei Tage nach Übergabe der Stadt verhaftet. Von Dezember 1945 bis Mai 1946 übernahm der Architekt Heinrich Mogk das Amt. Auch neue Stadt- und Gemeinderäte wurden ernannt – unter den
19 Stadträten befanden sich 1945 auch drei Frauen. Die erste
freie Kommunalwahl fand bereits im September 1946 statt.
Die Stelle des Kurdirektors, die der am 13. März 1945 verstorbene
Georg Gallion innehatte, blieb bis Mai 1946 unbesetzt. Erst dann ernannte der Regierungspräsident in Hannover Friedrich Wilhelm Stoltze zum neuen Kurdirektor.
Wohnraummangel
Nach dem Krieg wurde die Wohnraumsituation zusätzlich
durch die Beschlagnahmung von Häusern durch die britische Besatzungsmacht belastet. Auch englische Soldatenfamilien wurden einquartiert. Problematisch war dabei nicht nur die Belegung des Wohnraums, sondern auch Schäden, die durch die Alliierten entstanden und ausgeglichen werden mussten. Teilweise kam es auch zur Entwendung von Gegenständen durch das alliierte Militär – die Soldaten nahmen ‚Souvenirs‘ mit. So fehlten nach Ende des Krieges unter anderem die Amtskette des Bürgermeisters sowie die Filmrolle des in Bad Pyrmont gedrehten Klassikers ‚Ferien vom Ich‘.
Aufnahme und Wiederbelebung des Kurbetriebs
Trotz aller Herausforderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit gelang Bad Pyrmont die schnelle Aufnahme und Steigerung des Kurbetriebs. Während man vor dem Krieg über 2.500 Betten verfügte, besaß das Fremdengewerbe 1947 450 Betten – und konnte die Anzahl im Laufe der Zeit kontinuierlich steigern. 1949 konnte Bad Pyrmont mit monatlich etwa 3.000 Besuchern in der Hauptsaison eine erfolgreiche Saison verbuchen. Im selben Jahr lag die Anzahl der heilungssuchenden Gäste mit 17.000 bereits wieder bei dem durchschnittlichen Vorkriegsniveau.
Die schnelle Wiederaufnahme des Kurbetriebes gelang trotz insgesamt schwacher wirtschaftlicher Kaufkraft der Nachkriegszeit unter anderem aufgrund von Vergünstigungskuren. Darüber hinaus nutzte die Kurstadt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für eine konzeptionelle Neuausrichtung des Badebetriebes: Die angebotenen Kurmittel wurden ausgeweitet, neue Patientengruppen angeworben und mehr Krankheitsbilder denn je in den Blick genommen. Nach einer Diskussion um die Ausrichtung des Bades entschied man sich für einen Ausgleich zwischen Luxus- oder Sozialbad. Auch neue Einrichtungen wie der Kurdienst, der neue ‚Kuranzeiger‘ sowie regelmäßig stattfindende Kurgastzirkel belebten den Kuralltag.
Lebensmittelknappheit
Die unmittelbare Nachkriegszeit war auch im beschaulichen Bad Pyrmont von Entbehrung und einer schlechten Versorgungslage geprägt. Schon während des Zweiten Weltkrieges existierten Lebensmittelkarten, um einer unzureichende Nahrungsversorgung der Bevölkerung entgegenzuwirken. Nach Kriegsende übernahmen die Alliierten die Versorgung der Bevölkerung und gaben ab Mai 1945 eigene neue Lebensmittelkarten in ihren jeweiligen Besatzungszonen aus, um die Verteilung der knappen Nahrungsmittel zu ermöglichen. Die Karten wurden nach fünf verschiedenen Kategorien ausgeteilt: Je schwerer die körperliche Arbeit, desto besser war die Versorgung. Rationierte Lebensmittel oder andere Ressourcen wie beispielsweise Kohle konnte man in Geschäften nur erwerben, wenn man bei Bezahlung auch die entsprechenden Marken abgab. Die Rationierung durch Lebensmittelkarten wurde in der Bundesrepublik erst im
Jahr 1950 abgeschafft.
Landeskrankenanstalt
Ähnlich wie sich im Krieg ein Spannungsgefüge zwischen der Nutzung der Betten für Kurgäste oder Verwundete und Ausgebombte entwickelte, entstand in der Nachkriegszeit erneut eine Debatte um die Kontrolle der Bettenkapazität und den Charakter der Kurstadt. Wieder kam es zu einem Konflikt zwischen dem Kurwesen und der Verwundetenversorgung, diesmal jedoch in Form der Landeskrankenanstalt. Kernproblem war dabei, dass die aus dem Reservelazarett hervorgegangene Landeskrankenanstalt Betten belegte, die das Staatsbad gerne wieder zur Kur anbieten wollte. Eine Momentaufnahme von August 1946 skizziert die Belegungssituation wie folgt: Das Versorgungskrankenhaus beanspruchte 1.297 Betten, das Durchgangsheim für Kriegsversehrte 90 Betten, die Besatzung und Kontrollkommission 696 Betten, Altersheime 294 und Evakuierte und Flüchtlinge etwa 830. Für Heilungssuchende blieben so nur rund 230 Betten übrig. Eine unzufriedenstellende Situation aus Sicht der Kurverwaltung und der lokalen Politik, war der Kurbetrieb doch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Laufe der Jahre nahm die Anzahl belegter Häuser stetig ab.
Auf dem Bad Pyrmonter Stadtplan sind die 1950 noch von der LKA genutzten und beschlagnahmten Gebäude schwarz markiert.
Heinrich Mogk
Allein schon durch zahlreiche von ihm entworfenen Gebäude ist er in Bad Pyrmont noch heute präsent: der Architekt Heinrich Mogk. Dabei ist von dieser stadtbekannten Persönlichkeit, die auch eine wichtige Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben Bad Pyrmonts bis in die Nachkriegszeit hinein gespielt hat, wenig bekannt.






