DIE QUÄKER
Die Quäker in Bad Pyrmont
Bei den Quäkern handelt es sich um eine ursprünglich in England im 17. Jahrhundert entstandene religiöse Gemeinschaft. Ihr offizieller Name lautet ‚Gemeinde der Religiösen Gesellschaft der Freunde‘. In Deutschland waren und sind etwa 250 Personen Teil dieser christlichen Gemeinde. Ihre Mitglieder nennen sich untereinander ‚Freunde‘. Trotz ihrer vergleichsweise kleinen Gemeindegröße haben die Quäker für Bad Pyrmont eine besondere Bedeutung. Sie sind ein Spezifikum der Kurstadt. Seit 1932 existiert hier der einzige Versammlungsort der deutschen Quäker: Das Quäkerhaus an der Bombergallee. Auch die Mitglieder der Quäkergemeinde, wie das Ehepaar Mary und Leonhard Friedrich oder der bekannte Fastenarzt Otto Buchinger, waren in der Stadtgesellschaft aktiv und bekannt. Doch wieso hatte Bad Pyrmont für die Quäker eine so herausragende Stellung? Bereits Ende des 18. Jahrhunderts lebte eine kleine Quäkergruppe bei Bad Pyrmont. Der damalige Fürst Friedrich von Waldeck schenkte ihnen 1790 Land und ermöglichte damit die längerfristige Ansiedlung der Glaubensgemeinschaft. Im Jahr 1800 errichteten sie sich ein Versammlungshaus am Stadtrand. Dieses wurde ab 1932 auf Anregung der Deutschen Jahresversammlung (DJV) neu errichtet. Die DJV wurde 1925 aus missionarischen Gründen gegründet und ist die offizielle Organisation der deutschen Quäker.

Bad Pyrmont became a haven of peaceful focus for Friends from all over Germany“
Mary Friedrich
Die Quäker im Nationalsozialismus
Im Nationalsozialismus standen die Quäker aufgrund ihrer pazifistischen und egalitären Ausrichtung reichsweit in Konflikten mit dem Regime. Die NS-Ideologie war mit den Glaubensgrundsätzen der Quäker nicht vereinbar. So hatte sich die DJV bereits vor 1933 öffentlich gegen Antisemitismus positioniert. Aus ihrer religiösen Haltung heraus sahen sie alle Menschen als gleichwertig an. Viele Mitglieder der Quäker engagierten sich auch freiwillig für Verfolgte des NS-Regimes. Aus religiöser Überzeugung heraus halfen sie Menschen, die von der ‚Volksgemeinschaft‘ ausgeschlossen wurden. Im Gegensatz zu anderen Widerstandsformen gingen die Quäker dabei nicht im Geheimen vor. Sie halfen den Verfolgten innerhalb des Gesetzesrahmen. Trotzdem wurden einige Quäker verhaftet. Grund dafür waren jedoch nicht immer ihre Hilfsaktivitäten, sondern häufig auch ihre politische Ausrichtung: Viele Quäker waren Sozialdemokraten oder Sozialisten und gehörten damit doppelt zum Feindbild des NS-Staates. Die Hilfstätigkeit der ‚Freunde‘ wurde über die Jahre immer stärker eingeschränkt. Trotzdem konnten sie vielen Menschen helfen – entweder durch die Verschickung von Paketen mit Hilfsgütern in Konzentrationslager oder durch Unterstützung bei der Ausreise.
Das ursprüngliche Quäkerhaus
Das Quäkerhaus war das Zentrum der deutschen Quäker und diente in erster Linie als Veranstaltungsort der Jahresversammlungen. Jährlich fanden sich in Bad Pyrmont 200 bis 250 Quäker aus Deutschland, Großbritannien und den USA ein. Darüber hinaus diente das Haus reichsweit als bekannter Rückzugsort für Quäker vom Alltag in der NS-Diktatur. Das ursprüngliche Quäkerhaus wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer weniger genutzt und schließlich 1893 verkauft. Zuletzt diente es als Stall. Als das Gebäude zu Beginn der 1930er Jahre erneut zum Verkauf stand, kaufte die Quäkergemeinde das alte Haus zurück und errichtete es neu.
Das neue Quäkerhaus
Das Ehepaar Friedrich kam 1933 als Wächter in das neu errichtete Quäkerhaus nach Bad Pyrmont und wurde bei seinen Arbeiten von einer tatkräftigen Gemeinde unterstützt. Vorsichtig geschätzt umfasste die Bad Pyrmonter Quäkergemeinde etwa 15 Personen. Infolge der Verhaftung Leonhard Friedrichs 1942 durchsuchte die Gestapo das Quäkerhaus mehrfach und beschlagnahmte es schließlich im März 1943 für die HitlerJugend. Danach waren Zwischennutzungen als Hilfskrankenhaus, Frauen- und Berufsschule geplant, jedoch nur teilweise umgesetzt. Nach dem Kriegsende konnte Mary Friedrich das Quäkerhaus schnell wieder als religiösen Treffpunkt nutzen. Bereits am 15. April 1945 fand die erste Andacht seit 1942 im Quäkerhaus statt.
Richtfest des Quäkerhauses
Das Richtfest für das neue Quäkerhaus fand 1932 statt. Anwesend war u. a. auch Otto Buchinger. 1934 war das Haus fertiggestellt. Finanziert wurde der Neubau durch Spenden britischer und US-amerikanischer Quäkergemeinden. Im Haus konnten bis zu 300 Personen untergebracht werden, es verfügte über einen großen Speisesaal mit einer Küche, Büroräumen und einem Hof mit Friedhof.
„Heute unter-stützen sie die Juden und Emigranten, die wegen staats-feindlicher Einstellung oder Betätigung das Reich verlassen mußten.“
aus einem Bericht der Gestapo über die Quäker, Jahr unbekannt
Hilfslieferungen
Ein Beispiel für die Aktivitäten der Quäker waren Hilfslieferungen in das Konzentrationslager Gurs im Südwesten Frankreichs. Deutsche Quäker sandten ab der Errichtung des Lagers 1940 Päckchen mit Lebensmitteln, Kleidung und anderen Hilfsgütern in das Konzentrationslager. Auch die Bad Pyrmonter Quäker waren an diesen Aktionen beteiligt. Das Versenden erfolgte auf Umwegen über Wien.
Mary und Leonhard Friedrich
Die wohl prägendsten Personen der Bad Pyrmonter Quäkergemeinde waren das Ehepaar Mary (1882-1970) und Leonhard Friedrich (1889-1975). Die Friedrichs zogen 1933 nach Bad Pyrmont, um dort als sogenannte ‚Wardens‘ (Wächter), die Leitung des Quäkerhauses zu übernehmen. Sie behielten diese Position bis zur Beschlagnahmung des Hauses durch die Nationalsozialisten im Jahr 1943. Ihre Aufgaben umfassten die Organisation von Andachten für die Bad Pyrmonter Quäkergemeinde und der in Bad Pyrmont stattfindenden Deutschen JahresversammDie Quäker in Bad Pyrmont lung. Darüber hinaus kümmerten sie sich um die Pflege von Grundstück und Haus. So nutzen sie ihren Handlungsspielraum, um Verfolgte des NS-Regimes zu unterstützen. Mit Besuchen bei der jüdischen Bevölkerung zuhause und Einladungen ins Quäkerhaus begegneten sie der Exklusion aus der ‚Volksgemeinschaft‘ mit Menschlichkeit und Zivilcourage. Außerdem waren die Friedrichs und Bad Pyrmont in ein reichsweites Netzwerk zur Ausreisehilfe eingebunden. 1938 und 1939 hat Mary Friedrich mit Unterstützung ihres Mannes insgesamt 38 namentlich bekannten Personen bei der Flucht aus dem Deutschen Reich geholfen. Zur Organisation der Ausreisen nutzte sie Kontakte nach Großbritannien. Mit Kriegsbeginn war die Ausreise und damit die Hilfe der Quäker so nicht mehr möglich. Zurückgebliebene jüdische Menschen unterstützte das Ehepaar durch Besuche und das Mitbringen von Lebensmitteln. Einige der mit Hilfe der Friedrichs ausgereisten Personen waren unter anderem die Familie des in Bad Pyrmont bekannten jüdischen Arztes Gustav Sturmthal, dessen Patientin Mary seit 1934 war. Auch der Sohn des befreundeten Bad Pyrmonter Quäkers und berühmten Fastenarztes Otto Buchinger konnte dank Leonhard und Mary Friedrich fliehen.
Dr. Otto Buchinger
Zum engsten Kreis der Bad Pyrmonter Quäkergemeinde gehörte auch der Badearzt Dr. Otto Buchinger (1878-1966).
Ein Erholungsheim für Verfolgte
Eine weitere Quäker-Institution in Bad Pyrmont war das sogenannte Rest Home für Verfolgte des NS-Regimes. Die Idee für diese Erholungseinrichtung ging auf die britische Quäkerin Bertha Bracey zurück, die 1933 bei einem Besuch in Deutschland einen Eindruck von dem repressiven Charakter des NS-Staates erhielt. Daraufhin sollte ein geschützter Ort für die frühen Opfer des NS-Regimes geschaffen werden. Das erste ‚Rest Home‘ wurde im November 1933 in der Nähe Frankfurts eröffnet. Dort sollten regimekritische Menschen wieder gestärkt werden, um ihre Oppositionsarbeit wieder aufnehmen zu können. Ein Ableger des Rest Homes wurde 1934 in Bad Pyrmont eröffnet. Mary Friedrich ermöglichte den Einzug in das St.-Josephs-Heim, ein katholisches Pensionshaus unter der Leitung US-amerikanischer Nonnen. Beide Rest Homes betreuten bis zur Schließung 1939 etwa 800 Gäste. Das Pyrmonter Rest Home war von Oktober bis März geöffnet – entgegengesetzt zu dem Kurbetrieb. In der Regel wurden acht bis zwölf Gäste für zwei Wochen betreut.
Folgenden Bad Pyrmonter Juden gelang mit Hilfe der Quäker die Flucht
- Hans Buchinger aus Bad Pyrmont nach England (März 1937)
- Dr. Ellen Salomon aus Bad Pyrmont und Hans Kramer aus Minden nach Paraguay (Dezember 1938)
- Die Töchter Elga und Gerda Sturmthal (Dezember 1938), Dr. Gustav Sturmthal und seine Frau Hildegard (Januar 1939), Nicolaus Sturmthal (August 1939) aus Bad Pyrmont nach England
- Rudi Heymann aus Bad Pyrmont nach Australien (Januar 1939), Hans und Edith Abraham aus Bad Pyrmont nach England (Februar 1939)
- Ingrid Seutemann aus Bad Pyrmont nach England (Februar 1939)
- Gertrude Stein und ihre Nichte Margarethe Meyers aus Lügde nach England (Mai 1939)
- Margot, Gisela und Kurt Meyer aus Lügde nach England (Juli 1939) • Ilse Herbeck nach England (Juli 1939)
- Ilse, Marion und Dinah Löwenstein aus Steinheim nach England (August 1939)
- Otto Hochheimer aus Steinheim nach Südamerika (August 1939)
- Hans Schöndorff aus Bad Pyrmont nach England (August 1939) • Herr und Frau Spargenthal aus dem Raum Bad Pyrmont nach England
- und 20 weitere Personen









