GLEICHSCHALTUNG DES FREMDENVERKEHRS
Fremdenverkehr im 'Dritten Reich'
Dem Fremdenverkehr (Tourismus) wurde im ‚Dritten Reich‘ aus wirtschaftlichen und politischen Gründen eine hohe Bedeutung zugeschrieben. Dabei spielten drei Faktoren zentrale Rollen:
• Als gesundheitspolitisches Mittel zur Regeneration und Pflege der Arbeitskraft des ‚Volkskörpers‘
• Zur Schaffung einer internationalen Außenwirkung des NS-Staates
• Zur Identitätsbildung für die ‚Volksgemeinschaft‘
So wurde bereits im Juni 1933 ein Reichsausschuss für Fremdenverkehr eingerichtet. Dieser sollte die Maßnahmen zur Förderung des Fremdenverkehrs leiten und zentralisieren sowie die neu geschaffenen Landesverkehrsverbände überwachen. Darüber hinaus gingen die Belange des Fremdenverkehrs nun in die Zuständigkeit des Propagandaministeriums über. Fremdenverkehrsgemeinden wurden zwar angehalten in den ihnen übergeordneten jeweiligen Landesverband einzutreten, ein Eintritt wurde jedoch erst ab März 1936 verpflichtend. Im Zuge dieser Maßnahme wurde auch der Reichsausschuss durch den neuen Reichsfremdenverkehrsverband abgelöst. Dieser erhielt noch mehr Einfluss über die ihm untergliederten Verbände. Da im ‚Dritten Reich‘ das Kur- und Bäderwesen dem Fremdenverkehr zugeordnet wurde, betrafen diese Eingriffe auch Bad Pyrmont. So kam es in der Kurstadt bereits früh zu einer Ausweitung der politischen Kontrolle und zur Gleichschaltung in diesem Bereich.
„Die wirtschaftliche Lage aller Berufsstände in Bad Pyrmont ist mehr oder minder vom Fremdenverkehr abhängig.“
Bürgermeister Zuchhold in einem Schreiben zur Satzung des Fremdenverkehrsvereins, 10. Januar 1934
Gleichschaltung des Bad Pyrmonter Fremdenverkehrs
Für Bad Pyrmont ist der Fremdenverkehr seit Jahrhunderten der zentrale Wirtschaftsfaktor. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 wirkte sich auch auf den Kurbetrieb aus: eine hohe Arbeitslosigkeit, der Rückgang von Einnahmen und Gästezahlen sowie Sparmaßnahmen führten dazu, dass sich der Fremdenverkehr zu Beginn des NS-Regimes in einem unsicheren Zustand befand. Daher war auch den neuen Entscheidungsträgern der Stadt daran gelegen, den Fremdenverkehr wieder anzukurbeln. Die Amtseinsetzung Hans Zuchholds im Juni 1933 bildete den Auftakt zur Gleichschaltung des Fremdenverkehrs. Das immer beliebter werdende Reisen – auch innerhalb der bürgerlichen Mittelschicht – sorgte dafür, dass der Fremdenverkehr im Nationalsozialismus als Wirtschaftsfaktor ernst genommen wurde. Durch weitere Maßnahmen zur Gleichschaltung, sollten wieder mehr Gäste in den Ort kommen.

Der städtische Fremdenverkehrsverein als Gleichschaltungsinstrument
Die zentrale Maßnahme zur Gleichschaltung des Fremdenverkehrs in Bad Pyrmont war die Gründung des städtischen Verkehrsvereins am 31. Januar 1934. Schon früh befolgte die lokale Regierung damit die 1933 noch freiwilligen Verfügungen des Reichserlasses. Denn: Obwohl der Beitritt in einen Landesverkehrsverband (LVV) erst 1936 verpflichtend wurde, gründete sich der Verkehrsverein Bad Pyrmont e. V. (später Ortsfremdenverkehrsverband Bad Pyrmont) bereits im Januar 1934 unter Beitritt in den LVV Weserbergland. Der Verein diente als lokale, aber politisch kontrollierte Interessenvereinigung. Er wurde zum zentralen Akteur des lokalen Fremdenverkehrs während des Nationalsozialismus und diente der Stadt zur Kontrolle und indirekten Einflussnahme auf den für Bad Pyrmont zentralen Wirtschaftszweig. Der Verein fungierte als Bindeglied zwischen Stadtverwaltung, Kurverwaltung und den Beherbergungsbetrieben. Sein Ziel war die Pflege und Förderung des Fremdenverkehrs, um die wirtschaftliche Lage der Stadt zu verbessern. Darüber hinaus gliederte er sie in das Netz des reichsweit zentralisierten Fremdenverkehrs ein. Obwohl der offizielle reichsweite Runderlass die jeweilige Kurverwaltung als Führung von Verkehrsvereinen in Kurorten vorschlug, bestimmte die Satzung des Bad Pyrmonter Verkehrsvereins den jeweils amtierenden Bürgermeister als Vorsitzenden. So wurden die Interessen des Kurortes in das Tätigkeitsfeld des Bürgermeisters eingefügt. Kurdirektor Georg Gallion wurde zum stellvertretenden Vorsitzenden und Schriftführer bestimmt. Weitere NSDAP- und Parteifunktionäre im Vorstand gewährleisteten den Einfluss der Partei. Wie im restlichen Reich auch wurde der Bad Pyrmonter Fremdenverkehr damit gleichgeschaltet. Zwar lag die Verwaltung des Kurbetriebes weiterhin offiziell bei der Kurverwaltung, aber die neu geschaffenen Strukturen sicherten der nationalsozialistischen Regierung Einfluss auf das Fremdenverkehrswesen.
Die Auflösung der Bad Pyrmont AG
Seit dem Anschluss Bad Pyrmonts an Preußen 1922 wurde der Badebetrieb durch die Bad Pyrmont AG verwaltet. Sie verband den Kurbetrieb mit den Akteuren im Wirtschaftsgeflecht der Stadt. Die Stadtverwaltung Bad Pyrmonts war zwar Mitglied der AG, hatte aber keine umfassenden Gestaltungsmöglichkeiten bezüglich der Badeverwaltung. Dies versuchte sie schon zu Beginn der NS-Herrschaft zu ändern und sich Einflussräume für ihre Interessen zu schaffen. So wurde unter anderem der vorherige Bürgermeister Karl Uhde aus dem Vorstand gedrängt und der neue Bürgermeister Zuchhold als Vorstandsmitglied installiert. 1937 wurde die Bad Pyrmont AG aufgelöst und das Bad als Staatsbad weitergeführt. Der Kurdirektor als Geschäftsführung war nun nicht mehr an verschiedene Anteilseigner gebunden, sondern nur noch an Preußen. Nichtsdestotrotz bestanden auch über das Jahr 1937 hinaus enge personelle Verflechtungen zwischen Stadt und Staatsbad.
„Bad Pyrmonts Dienst am Gast“
Der Artikel beschreibt nicht nur die Aufgaben des Bad Pyrmonter Verkehrsvereins, er verdeutlicht auch die nationalsozialistische Ausrichtung des Vereins. Nach 1936 kam es zu steigendem Druck auf diejenigen, die noch nicht in den Verein eingetreten waren. Sie wurden als „nicht Belehrbare und ewige Besserwisser“ bezeichnet, die sich so nur selbst schaden würden. Auch eine Kennzeichnung der Mitglieder und Stigmatisierung von noch nicht eingetretenen Akteuren, erzeugte Druck, sich ebenfalls dem Verein anzuschließen. Die im Artikel verwendete Formel „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ war eine schon früh genutzte Propagandaformel der Nationalsozialisten. Bis 1938 stieg die Anzahl der Mitglieder des Fremdenverkehrsvereins auf über 500 an, schätzungsweise waren das Zweidrittel der möglichen Interessenten.



