Familie De Haas
Die Familie des letzten Bad Pyrmonter Rabbiners
Die Geschichte der Familie De Haas verdeutlicht beispielhaft wie stark sich die Exklusion von jüdischen Menschen auch auf Kinder auswirkte und welche Rolle Emigration spielte. Die Familie De Haas lebte seit dem 18. Jahrhundert in Bad Pyrmont und führte hier eine jüdische Kurpension. Markus De Haas war der letzte Rabbiner der jüdischen Gemeinde, bevor er 1929 verstarb. Sein Sohn Max De Haas war der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und Handelsvertreter. Gemeinsam mit seiner Frau Margarethe, seinen beiden Töchtern Charlotte und Marianne und seiner Mutter Tilly lebte er zuerst in der Humboldtstraße. Sie zogen dann in eine Wohnung am Kaiserplatz und später in eine Wohnung in der Rathausstraße. Seit den Boykottaktionen gegen Juden im April 1933 wurde die Pension der Familie mit schwarzen Plakaten, die einen gelben Punkt in der Mitte hatten, als jüdisch gekennzeichnet.
Charlotte und Marianne gingen auf das Realgymnasium (später Oberschule für Jungen, heute Humboldt-Gymnasium). Dort erlebten sie die Auswirkungen des NS-Regimes im Schulalltag. Jeden Morgen wurde auf dem Schulhof die Hakenkreuz-Fahne gehisst und nationalsozialistische Lieder gesungen. Die Mädchen waren zur Teilnahme verpflichtet. Auch an Aufmärschen, die die Schule und die HJ organisierten, mussten sie teilnehmen. Gleichzeitig wurden sie im Unterricht ausgeschlossen: Sie mussten allein sitzen und wurden nicht drangenommen, wenn sie sich meldeten. Von ihren Lehrkräften und Mitschülern wurden sie weitestgehend ignoriert. Spätestens 1938 wurde den Mädchen der Schulbesuch verboten. Charlotte verlor ihre beste Freundin, da ihr Vater Parteimitglied war und ihr den Umgang mit Charlotte verbot. Besonders traf die jüdischen Mädchen das Schwimmbadverbot ab 1935. Durch die Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben und ständige Bedrohungen entwickelte Charlotte Panikattacken, die sie ihr Leben lang begleiteten. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde Max De Haas mit anderen jüdischen Männern verhaftet und über Hameln und Ahlem in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert.
Nach seiner Rückkehr bereitete die Familie ihre Emigration vor. Im März 1939 reisten Max und Charlotte De Haas nach Schweden aus und kamen dort zeitweise bei Verwandten unter. Margarethe, Marianne und Tilly De Haas blieben erst zurück, um die Wohnung aufzulösen und die wichtigsten Habseligkeiten zu packen. Dabei wurden sie von einer Tante unterstützt, die heimlich Schmuck in ihre Koffer schmuggelte. Wenige Zeit später folgten sie Charlotte und Markus nach Schweden.
In Schweden blieb die Familie fast ein Jahr. Kurz nach ihrer Ankunft verstarb Tilly und wurde dort beerdigt. Nach Kriegsbeginn fürchtete Max De Haas, dass nationalsozialistische Truppen in Schweden einmarschieren könntenund sie wieder in Gefahr wären. Deswegen floh die Familie 1940 über Norwegen in die USA, wo sie ebenfalls wieder bei Verwandten unterkamen. Die Familie ließ sich in Rochester in New York nieder. Charlotte heiratete und nahm den Namen Markus an. Sie beschloss 1991 von ihrer Zeit in Bad Pyrmont zu erzählen und gab mehrere Interviews und besuchte Schulen. Das letzte Interview gab sie 2023 im Alter von 102 Jahren. Es ist über die USC Shoah Fundation zugänglich und berichtet ausführlich über ihr Leben in Bad Pyrmont bis zur Emigration und neues Zuhause in den USA.

