DER 'FALL VIETMEYER'
Der ‚Fall Vietmeyer‘ zeigt eindrücklich, dass dem NS-Regime innerhalb von nur wenigen Monaten eine tiefgreifende Veränderung der politischen Ordnung in Deutschland gelungen war. Diese war allerdings im Jahr 1933 noch nicht derart gefestigt, wie es im Rückblick den Eindruck erweckt. Georg Vietmeyer war es als bekanntem und politisch aktivem Mitglied der Bad Pyrmonter Elite noch im August 1933 möglich, ein Flugblatt drucken und verbreiten zu lassen, in dem er die lokalen Vertreter des NS-Regimes direkt der Falschaussage beschuldigte und ihnen Handeln gegen die Interessen der Stadt vorwarf. Dies wäre vermutlich zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen.
An der Inschutzhaftnahme von Georg und Karl Vietmeyer wird gleichzeitig die Gewaltlogik des Regimes deutlich, die bis zu dessen Ende fortwirkte. Das Bad Pyrmonter Beispiel ist repräsentativ für viele ähnliche Fälle einer dosierten Gewaltanwendung gegen Personen des Bürgertums. Politische Gegner von Links, Sozialdemokraten und Kommunisten wurden dagegen brachialer behandelt, oft mit tödlichem Ausgang.
Die Verhaftung bekannter Vertreter der Bad Pyrmonter Stadtgesellschaft im Sommer 1933 signalisierte der Einwohnerschaft außerdem, dass das neue Regime auch ein neues Establishment ernennt und rücksichtslos gegen dessen Widersacher vorgeht.
„Nun haben wir schon dieselben Zustände als in Sowjet-Russland.“
Karl Vietmeyer über die Verhaftung seines Onkels
Der Beschuldigte
Georg Vietmeyer (1864 – 1940) studierte Jura in München und Göttingen und war Amtsgerichtsrat in Bad Pyrmont. 1912 bis 1913 war er Mitglied des Reichstags (MdR) als Abgeordneter des Wahlkreises Waldeck in der Fraktion ‚Wirtschaftliche Vereinigung‘. Als Amtsgerichtsrat (im Ruhestand) und ehemaliges MdR kann Vietmeyer als Teil der lokalen Elite der Stadt Bad Pyrmont angesehen werden. Seine beiden Brüder Friedrich Wilhelm und Alexander gründeten den Pyrmonter Säuerling, die spätere Bad Pyrmonter Mineral- und Heilquellen GmbH. Nicht zuletzt als Mitglied und juristische Vertretung des Wasserwerks war auch Georg Vietmeyer ein kommunalpolitischer Akteur.
Das Bad Pyrmonter Wasserwerk
Mit dem Zweck, die Stadt Bad Pyrmont mit Trinkwasser zu versorgen, wurde 1894 das ‚Pyrmonter Wasserwerk, Genossenschaft mit beschränkter Haftung‘ gegründet.
Nach dem Ersten Weltkrieg geriet die Genossenschaft in finanzielle Schieflage. Die Versorgung der wachsenden Stadt konnte nur durch erhebliche Investitionen sichergestellt werden. Im Mai 1923 verkaufte die Genossenschaft das Wasserwerk für 220 Millionen Reichsmark an die Bad Pyrmont AG. Nach der Währungsreform im selben Jahr strengten die Genossenschaftsmitglieder eine Klage auf Rückabwicklung des Verkaufs wegen eines Formfehlers an, erhielten Recht und kauften das Werk zurück. Um nötige Investitionen am Wasserwerk zu finanzieren, erhöhte die Genossenschaft die Preise. Eine Klage durch die Stadt gegen diese Preiserhöhung scheiterte. In der Folge kam es von Seiten der Stadt immer wieder zu Versuchen, das Wasserwerk diesmal rechtssicher von der Genossenschaft zu übernehmen, was erst nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert wurde.
Die Ereignisse
1933 verhandelten die Stadt Bad Pyrmont und die Genossenschaft über eine Kommunalisierung des Wasserwerks. Georg Vietmeyer führte als juristischer Vertreter der Genossenschaft die Verhandlungen mit der Stadt Bad Pyrmont. Über den Verlauf der Verhandlungen informierten die lokalen Tageszeitungen. Am 19. August wurde berichtet, dass der kommissarische Bürgermeister Zuchhold vor Vertretern von SA und SS dem juristischen Vertreter der Genossenschaft Vietmeyer Fehlverhalten in den Verhandlungen vorwarf. Darüber hinaus bestände aber Einigkeit, dass eine Übernahme des Wasserwerks durch die Stadt herbeigeführt werden soll. Am 21. August veröffentlichte die Pyrmonter Zeitung ein Flugblatt, das Vietmeyer verfasst hat. In diesem warf Vietmeyer wiederum Zuchhold Falschaussagen über seine Person und den Stand der Verhandlungen vor. Daraufhin wurde Georg Vietmeyer in Schutzhaft genommen (laut Familienüberlieferung zusammen mit seinem Dackel) und vermutlich ins Gerichtsgefängnis des Amtsgerichts gebracht. Zuchhold und lokale SS- und SA-Führer stellten im Pyrmonter Anzeiger klar, dass Vietmeyers Äußerungen eine Herabsetzung von Partei und deren Führern darstelle und die daraus folgende Erregung der Bevölkerung ungeheuer sei. Außerdem wäre Vietmeyers Darstellung der Verhandlung unwahr und vielmehr die eigene korrekt. Am 23. August wurde Vietmeyer aus der Schutzhaft entlassen.
Der zweite Beschuldigte
Georg Vietmeyers Neffe war Karl Vietmeyer, der 1936 von seinem Vater Wilhelm die Geschäftsführung des Pyrmonter Säuerlings, die spätere Bad Pyrmonter Mineral- und Heilquellen GmbH, übernehmen sollte. Karl zeigte sich entsetzt über die Verhaftung seines Onkels und soll vor Zeugen gesagt haben: „Jetzt haben sie meinen Onkel verhaftet, nun haben wir schon dieselben Zustände als in Sowjet-Russland“. Daraufhin wurde auch Karl Vietmeyer am 22. August in Schutzhaft genommen und einen Tag später mit Rücksicht auf seine schwangere Frau, aber mit einer strengen
Verwarnung wieder entlassen.
VERWANDTE THEMEN
Die Weimarer Republik
Die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen dieser Zeit lassen sich in Bad Pyrmont wie unter einem Brennglas nachvollziehen
Die Etablierung der NS-Diktatur
Erfahren Sie hier, welche Mechanismen auch in Bad Pyrmont einsetzten, um die NS-Diktatur zu etablieren und zu festigen.
Karl Uhde
Karl Uhde war Bürgermeister in Bad Pyrmont während der Weimarer Republik und wurde 1933 durch die Nationalsozialisten abgesetzt.









