DIE LAZARETTSTADT BAD PYRMONT
Das Lazarettwesen in Bad Pyrmont
Bereits im Ersten Weltkrieg wurden Kurorte wie Bad Pyrmont zu Lazarettzwecken genutzt. Auch während des Zweiten Weltkrieges diente Bad Pyrmont als Lazarettstandort für die Wehrmacht. Kurstädte wurden besonders häufig als Standort für die Verwundetenversorgung ausgewählt, da sie mit ihren Bettenkapazitäten, der guten medizinischen Versorgung, dem heilenden Umfeld und der speziellen Infrastruktur optimale Standortbedingungen boten. Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkrieges etwa 70 Kurstädte zu Lazaretten umgewandelt. Als Einrichtungen des Sanitätsdienstes der Wehrmacht unterstanden die Bad Pyrmonter Reservelazarette I und II dem Wehrkreiskommando des Wehrkreises XI (Hannover).
Reservelazarette waren Lazarette, die im Kriegsfall außerhalb des Kampfgebietes eingerichtet wurden. Geführt wurden sie in der Regel von hohen Sanitätsoffizieren. In Bad Pyrmont trug ab Mitte 1942 der Chef- und Standortarzt der Heeres-Sanitätsstaffel Dr. Franz Glaser die Gesamtverantwortung.
Eine große Anzahl an Lazarettbetten wurde mit Kriegsverlauf immer wichtiger, da die Verwundeten- und Krankenzahlen in bisher unbekannte Höhen stiegen. Ab Winter 1942 verdoppelte sich die Anzahl der Verwundeten und Kranken auf mehr als vier Millionen, ab Juli 1943 stieg die monatliche Zahl an Verwundeten von der Ostfront teilweise auf sechsstellige Zahlen an. Im September 1944 gab es allein im Deutschen Reich etwa 1.300 Reservelazarette mit rund 800.000 Betten.
„Bett neben Bett stand in all den umgeräumten Pensions-
zimmern.“
Arzthelferin Barbara Korn
in ihren Lebenserinnerungen
Unter dem Schutz der roten Kreuze
Die Vielzahl an Lazaretten bedeutete für Bad Pyrmont völkerrechtlichen Schutz: Markiert durch die roten Kreuze auf weißen Grund ließen die Dächer der Stadt alliierte Flieger wissen, dass sich hier humanitäre Einrichtungen befanden.
Trotzdem wurde in der Stadt zeitweise Munition hergestellt. Noch 1944 existierten in der Stadt mehrere Rüstungsbetriebe und Werkstätten. Eine davon im Quellenhof – dessen Vordergebäude zeitweise als Lazarett diente. Die Waffenfertigung widersprach Bad Pyrmonts Status als geschützter Lazarettstadt und gefährdete somit die Sicherheit der Stadt. Auf Drängen des Standortarztes Dr. Glaser wurden die Werkstätten im Februar 1945 verlegt.
Darüber hinaus strebte die Rüstungsinspektion Hannover im Oktober 1944 an, Teile der Firma Weser-Flugzeugbau Bremen, inklusive 800
Beschäftigter nach Bad Pyrmont auszulagern. Das Staatsbad wehrte sich aufgrund dem damit wahrscheinlichen Erliegen des Kurbetriebes und führte
in seiner Begründung ebenfalls den städtischen Lazarettstatus an. Die Rüstungsarbeiten der Firma Weser-Flugzeugbau würden „durch das Zeichen
des Roten Kreuzes sozusagen getarnt“, so das Staatsbad. Das Vorhaben kam nicht zustande.
Nach der Verwundung
Die verwundeten Soldaten wurden nach ihrer Verletzung bereits frontnah in einem Feldlazarett erstversorgt. Handelte es sich jedoch um Verwundungen, die nicht in kürzerer Zeit verheilen würden, wurden die betroffenen Soldaten in Reservelazarette außerhalb des Kriegsgebietes weitertransportiert – beispielsweise nach Bad Pyrmont. Hier waren eine längere Behandlungsdauer und umfangreiche therapeutische Maßnahmen möglich.
Häufig kamen die Verwundeten mithilfe von Lazarettzügen nach Bad Pyrmont. Vom Bahnhof aus wurden sie auf verschiedene Häuser verteilt, in denen die unterschiedlichsten Krankheiten und Verletzungen behandelt wurden: Von Granatsplittern, Erfrierungen, Gelbsucht, Gelenkentzündung und Herzmuskelschäden bis hin zu Magengeschwüren und Tuberkulose.
Nach ihrem Lazarettaufenthalt wurden die Soldaten entsprechend ihres Tauglichkeitsgrades entweder erneut an die Front geschickt oder im Garnisonsdienst in der Heimat eingesetzt. Trotz Behandlung erlagen etwa 180 deutsche und einige ausländische Soldaten der Wehrmacht hier vor Ort ihren Verletzungen. Sie wurden auf dem Oesdorfer Friedhof beigesetzt.
„Als ich zurückkam (...) musste ich mich durch im Vorraum stehende Bahren hindurchwinden, von denen Stöhnen kam. Die Verdunklungs-beleuchtung machte die Szene noch
unheimlicher.“
Arzthelferin Barbara Korn in ihren Lebenserinnerungen
Bad Pyrmont wird Lazarettstadt
Bad Pyrmonts Geschichte als Lazarettstadt beginnt bereits mit Kriegsbeginn. 1939 beschlagnahmt das Wehrkreiskommando vier erste Kranken- und Kurhäuser zu Lazarettzwecken: Die Georgs-Villa, das Christliche Hospiz, das Erholungshaus Helenen-Quelle und das Liboriushaus. Mit fortlaufendem Kriegsgeschehen – und erhöhtem Bettenbedarf – wurden stetig weitere Hotels, Erholungsheime, Sanatorien und Kurhäuser beschlagnahmt.
Im November 1941 befanden sich neben ca. 10.000 Einwohnern und 1.000 Kurgästen etwa 800 Verwundete in der Stadt. Bis Anfang 1942 wurden bereits mindestens 17 Gebäude zweckentfremdet. Nach einer erheblichen Erweiterung des Lazaretts um ca. 1.700 Betten noch im gleichen Jahr zählte Bad Pyrmont etwa 60 beschlagnahmte Gebäude. Die Lazarettabteilungen wurden dabei nach den ursprünglichen Pensionsnamen benannt. Im Laufe des Jahres 1942 stieg die Zahl verwundeter und kranker Wehrmachtsangehöriger in Bad Pyrmont auf etwa 3.000 an. Für ihre Versorgung beschlagnahmte das Wehrkreiskommando bis Kriegsende insgesamt 84 Gebäude zu Lazarettzwecken – damit prägte das Lazarettwesen den Charakter des ‚Weltbades‘ deutlich.
Verwundete und Pflegepersonal
Wie viele Kriegsverletzte letztlich genau in Bad Pyrmont behandelt wurden lässt sich im Nachhinein nur schätzen. Je nach Kriegsverlauf und Verletzungslage wurden bis zu 4.000 Verwundete gleichzeitig im Kurort behandelt. Einige Quellen und Berichte nennen sogar noch höhere Zahlen – vor allem für die Zeit kurz vor Kriegsende. Alleine in dem Zeitraum von September 1943 bis Juni 1946 waren mindestens 19.000 Verwundete in Bad Pyrmont untergebracht. Die Gesamtzahl für die vollständige Dauer des Kriegs war deutlich höher.
Zur Versorgung der Verwundeten arbeiteten etwa 1.000 Personen als Pflegepersonal im Reservelazarett, darunter Sanitätssoldaten der Wehrmacht, die Schwestern(-helferinnen) des Deutschen Roten Kreuzes, Diakonissinnen und katholische Ordensschwestern sowie örtliche Pflegekräfte. Sie wurden unterstützt von freiwilligen, in der Regel jungen weiblichen Hilfskräften sowie von Zwangsarbeiterinnen.
Auflistung aller gegenwärtig aus den Quellen rekonstruierbaren Fremden-verkehrsgebäude, die zeitweise als
Lazarett genutzt wurden
Adolf Stolte, Auguste Stolte, Bathildis, Birkenhaus, Blumenhaus, Braunschweig, Buchinger, BVG/BVG Isolierhaus, Christliches Hospiz, Continental, Daheim, Damköhler, Eichhorn, Eikermann, Eisenbahnerkindererholungsheim, Elisabeth, Enters, Frank I, Frank II, Friedrichshöhe, Fritz, Gabert, Georgs-Villa, Goldener Anker, Gronemeyer, Habig, Hansa, Hauptallee, Helenenquelle, Hemerich, Hoffschildt, Hohe Stolle, Huberta, Kaiserhof, Keller, Kurhaus, Kurhotel, Liboriushaus, Lippischer Hof, Liselotte, LVA Braunschweig, Mundhenk, Neander, Niedermeyer, Notbohm, Oldenburg, Parkschlösschen, Pieper, Quäkerhaus, Quellenhof, Richter, Rieth II, Ritter, Rosenhof, Rosien, Salem, Sauer, Schaeffer, Schmitt, Schückling, Schulmeer, Seebohm, Sonnenhof, St. Elisabeth Haus, St. Josephs-Haus, St. Maria, Steinmeier, Waldecker Hof, Waldhaus, Waltraud, Wesselmann, Wiesenblick, Wiesenhaus, Wolff
Das Kurhotel als Lazarett
Das Kurhotel wurde bereits 1939 von der Wehrmacht für Lazarettzwecke in Anspruch genommen. Dabei war die Wehrmacht bei allen von ihr beschlagnahmten Gebäuden nicht die Eigentümerin, sondern sie mietete die Räume lediglich. Im Frühjahr 1940 wurde das Kurhotel wieder freigegeben, weil es zu den reichsweit „für internationalen Fremdenverkehr und Kurbetrieb besonders wichtigen Beherbergungsbetrieben“ gehörte. Anschließend wurde es wieder vom Staatsbad betrieben. Anfang 1942 beschlagnahmte die Wehrmacht jedoch erneut einen Teil des Hotels als Kurlazarett.
Kurlazarette waren neben den Reserve-lazaretten bestimmte Kur-Erholungsheime,
in denen sich vor allem ranghöheres Militärpersonal erhohlten sollte. Bei Bedarf konnten sie jedoch sofort als reguläres Lazarett genutzt werden. Anfang 1945 wurde das Kurhotel dann mit mehr als 800 Verwundeten bis zu seiner Kapazitätsgrenze belegt. Aufgrund des Vorrückens der Roten Armee und der damit einhergehenden Frontverschiebung mussten die Lazarette an der Ostfront verlegt werden. Eines dieser Lazarette war das große Reservelazarett Köslin in Westpommern (heute: Koszalin/Polen) mit vorwiegend amputierten Soldaten. Diese wurden per Lazarettzug ins Reichsinnere verlegt und schließlich in Bad Pyrmont untergebracht. Da Platz zu diesem Zeitpunkt bereits Mangelware war, wurde das Kurhotel herangezogen.
Bad Pyrmont ist „zu
einer ausgesprochenen Lazarettstadt geworden.“
In einem Schreiben der NSDAP Ortsgruppe an Gauleiter Hartmann Lauterbacher
Spannungsfeld ‚Kur‘
Noch bis Anfang 1942 standen Heilungssuchenden etwa 4.120 Betten in Hotels, Fremdenheimen und vermieteten Privatzimmern zur Verfügung. Mit der erheblichen Erweiterung des Lazarettes 1942 kam es allerdings im Kurbetrieb und bei der Vermietung erstmals zu Einschränkungen. Viele dieser Betten wurden nun von Verwundeten belegt. 1943 standen dem Kur- und Fremdenverkehr nur noch rund 1.150 Betten zur Verfügung.
So kam es im Laufe der Nutzung Bad Pyrmonts als Lazarettstandort immer wieder zu Konflikten um die Beherbergungskapazitäten des Ortes: Kurgäste, Lazarettinsassen sowie Besucher der verwundeten Soldaten konkurrierten um die zur Verfügung stehenden Betten. Auch die Unterbringung von Geflüchteten und ‚Ausgebombten‘ verschärfte dieses Spannungsfeld weiter. Im Oktober 1943 wurde der Aufenthalt für Kurgäste mit sofortiger Wirkung auf vier Wochen beschränkt. Zum 1. März 1945 wurde der Kurbetrieb dann vollständig eingestellt.
Eine heile Welt?
Als Lazarettstadt stand Bad Pyrmont unter dem Schutz der Genfer Konvention, die den Angriff humanitärer Einrichtungen verbot.
So durfte die Stadt kein Ziel alliierter Bombenangriffe werden. Die vielen roten Kreuze auf weißem Grund markierten die Stadt von oben. Aber: Trotz der vom Bombenkrieg unangetasteten Stadt wurden die Schrecken des Krieges durch den Anblick der verletzten und amputierten Soldaten und ihrem Leid greifbarer. Bad Pyrmonts frühere zivile Kurgäste wurden zum Großteil durch Soldaten ausgetauscht.
Die vorherige ‚heile Welt‘ des ‚Weltbades‘ blieb zwar lange von den größten Kriegsauswirkungen unangetastet, der Lazarettbetrieb sorgte allerdings für einen Bruch mit diesem Bild. Während der Lazarettaufenthalt für die Soldaten eine Art Heimatbesuch und Pause von der Front darstellte, sorgte er in der Heimat für die Veranschaulichung des Krieges. Der alltägliche Anblick der verletzten Soldaten und der roten Kreuze im Stadtbild verdeutlichten auch den allumfassenden Charakter der Lazarettstadt sowie das neue Bad Pyrmonter Stadtbild.
Darüber hinaus bezeugen die verschiedenen Einblicke in den Lazarettalltag die Dualität, das Nebeneinander verschiedener Eindrücke.
Erlebnisberichte und Bilder zeigen den herrschenden Kontrast auf: Während Verletzungen und Kriegsschrecken auf der einen Seite präsent waren, bildeten Sonntagsaus-flüge, Kurbehandlungen und Kaffeetafeln ein harmonischeres Bild.
Lazarett als ideologiefreier Raum
Auch wenn die Verwundetenbetreuung und die Fotos einen auf die Heilung fokussierten Blick auf Lazarette des Zweiten Weltkrieges werfen, können diese nicht als politik- oder ideologiefreier Raum verstanden werden. Die nationalsozialistisch ausgerichteten Angebote verfolgten bestimmte Zwecke innerhalb des vorgeschriebenen Dienstplanes. Das militärische Sanitätswesen des NS-Staates vertrat die NS-Ideologie wie andere Institutionen auch. So sollte die ideologische Überzeugung der Sanitätsoffiziere bis hin zur Lazarettleitung deckungsgleich mit denen der NSDAP sein.
Darüber hinaus herrschte im Lazarett – zumindest offiziell – ein strenges Regime. Hausordnungen erinnerten an die Einhaltung der soldatischen Disziplin: Ohne Erlaubnis des Chefarztes durfte kein Verwundeter das Lazarett verlassen. Rauchen war nur an bestimmten Orten erlaubt, Glücksspiele und Kartenspiele um Geld waren verboten. Nur leicht Erkrankte konnten zu Arbeiten in Haus und Garten sowie zu kleinen Hilfeleistungen für Schwerkranke herangezogen werden. In Bad Pyrmont wurde zeitweise auch überlegt, Verwundete für die Gartenarbeit im Kurpark einzusetzen.
Inwiefern das strenge Regelregime und die ideologische Führung in der Handlungspraxis umgesetzt wurde, kann nicht sicher belegt werden. Denkbar ist, dass zumindest mit fortlaufenden Kriegsgeschehen und der damit prekärer werdenden Versorgungslage von den Vorschriften abgewichen wurde.
Die Alliierten versorgten das Lazarett mit „Broten, Konserven, Milchpulver, Kakao, Haferflocken, jeder
Menge Corned beef, mit Verbandsmaterial, nicht aus Papier (...) sondern aus echtem Mull, mit Medikamenten.“
Erinnerungen von Schwesternhelferin Ursula Sonnemann im Reservelazarett 7 (Volksschule Holzahusen)
Verwundetenbetreuung im Lazarett
Während ihrer Zeit im Lazarett wurden die Verwundeten durch vielseitige Angebote in verschiedenen Bereichen betreut. Dabei war das Bad Pyrmonter Angebot jedoch nichts Außergewöhnliches für ein Lazarett in einer Kurstadt. Auch andere Orte boten den Verwundeten Unterhaltung in Form von Konzerten oder Ausflügen, sportlicher Betätigungen oder Arbeitsbeschäftigungen. Insgesamt waren in die Verwundetenbetreuung diverse Stellen eingebunden. Hauptsächlich oblag sie aber der NS-Volkswohlfahrt sowie der NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘.
In Bad Pyrmont gab es diverse Kultur-
programme zu Unterhaltungszwecken.
Die Spannbreite reichte von Konzerten
über Kabarett und Varieté, Tanz und Humor bis hin zu Vorträgen. Dabei wurden auch eigentliche Kurveranstaltungen von den, in Anlehnung an ihre Uniform genannten, ‚feldgrauen Kurgästen‘ besucht und das Lazarettleben vermischte sich mit dem Kurbetrieb.
Neben professionellen Künstlern waren auch die jungen Mitglieder der NS-Verbände eingebunden: Musikgruppen lokaler und überregionaler HJ- und BDM-Gruppen sangen, musizierten und tanzten regelmäßig für die Verwundeten.
Trotz all dieser fröhlich wirkenden Veranstaltungen handelte es sich bei den Reserve-lazaretten nicht um einen ideologiefreien Raum. Ein Beispiel dafür sind Vortragsabende, die den Verwundeten das völkisch-nationale Gedankengut des Nationalsozialismus vermitteln und ihren wehrhaften Charakter stärken sollten. Letzterer sollte also auch im Lazarett aktiv gefördert werden.
Kriegsende und Auflösung der Lazarette
Mit Anrücken der US-Amerikaner am
5. April 1945 wurden die transportfähigen Lazarettinsassen sowie das Personal in Keller- und Schutzräume evakuiert. Dort warteten sie stundenlang auf die Übergabe der Stadt. Mit dieser übernahmen die Alliierten das Reservelazarett samt Insassen und Personal. Damit galten die verwundeten deutschen Soldaten, Sanitäter, Ärzte und Schwestern vorerst als Kriegsgefangene der Besatzungsmacht. Vor jedem Lazarett stand ein alliierter Soldat Wache und jeder Ausgang war vorerst untersagt.
Die US-Amerikaner waren nun auch für die Versorgung der Lazarette zuständig, die sich mit der Übernahme rapide verbesserte. Währenddessen standen die zivilen Bewohner Bad Pyrmonts zu festen Zeiten für karge Essensrationen Schlange.
Nach der vorläufigen Übernahme der US-amerikanischen Streitkräfte unterstanden die Lazarette anschließend der britischen Militärregierung und ab Herbst 1945 dem Oberpräsidenten der Provinz Hannover. Das Kommando hatte weiterhin der bisherige Standortarzt, Oberstabsarzt Glaser.
Nach Kriegsende sanken die Belegungsziffern der Lazarette langsam, aber stetig. Vor allem kamen keine neuen Zugänge mehr. Alliierte Kommissionen überprüften die verbliebenen Patienten einzeln auf ihren Gesundheitszustand, um zu entscheiden, wer in die reguläre Kriegsgefangenschaft überführt wurde. Um einer potenziellen Kriegsgefangenschaft zu entgehen, brachen einige Verwundete kurz vor dem Einmarsch der Alliierten zu Fuß und in Zivilkleidung Richtung Heimat auf. Die Abteilungsärzte unterstützten sie dabei mit einer schriftlich rückdatierten Entlassung. Im September 1945 waren von den vorhandenen etwa 3.000 Krankenbetten noch 1.600 Betten belegt.
Aus Lazarett wird Landeskrankenanstalt
Offiziell wurde das Reservelazarett Bad Pyrmont mit Wirkung vom 30. September 1945 aufgelöst und vom Hauptversorgungsamt Niedersachsen übernommen. Damit wurde das Reservelazarett I und II in den zivilen Sektor überführt. Aus ihm wurde das vorläufige Schwerstversehrtenkrankenhaus für Kriegsverletzte und Kranke und am
1. Oktober 1946 die Landeskrankenanstalt (LKA) Bad Pyrmont.
Nach den Übergabeverhandlungen wurden von der LKA 37 Häuser mit insgesamt 2.355 Betten übernommen. Weitere bis dahin zu Lazarettzwecken benutzte 18 Häuser wurden freigemacht und den Eigentümern zurückgegeben. Ende des Jahres 1946 hatte die LKA noch 31 Häuser in Benutzung. Außerdem befanden sich noch etwa 2.000 Amputierte in der Stadt.
Als Kriegsversehrten-Krankenhaus waren 90 Prozent aller Patienten frühere Wehrmachtsangehörige. Zu den Aufgaben der LKA gehörte vor allem die Nachbehandlung der Kriegsversehrten sowie ihre berufliche Wiedereingliederung. Betroffene wurden durch Lehrwerkstätten sowie die im Schloss befindliche Landesversehrten-Berufsfachschule für Verwaltung, Wirtschaft und Handwerk umgeschult.
Zu Beginn der 1950er Jahre wurde als Nachfolge der LKA ein hochmodernes Versorgungskrankenhaus am Stadtrand,
das heutige Bathildiskrankenhaus, gebaut.











