HITLERJUGEND UND BUND DEUTSCHER MÄDEL
HJ und BDM in Bad Pyrmont
Auch in Bad Pyrmont schlugen sich Veranstaltungen und Organisationen der Staatsjugend auf vielfältige Weise nieder. So resümierte der Jahresbericht der Oberschule 1936/37: „Die Beziehungen zwischen Schule und Hitler-Jugend waren gut. Schüler und Schülerinnen gehören fast ausnahmslos der Bewegung an.“ Zwei Jahre später hieß es, dass die „Schüler und Schülerinnen (…) ausnahmslos der H. J.“ angehörten. Etliche Schüler wurden zu Führern und Führerinnen bei BDM und HJ ernannt, so eine ehemalige Bad Pyrmonter Schülerin. „Alle wollten gern ‚flink wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl‘ werden“ führte sie weiter aus. Damit nahm sie Bezug auf ein Zitat Hitlers, das er am 14. September 1935 in einer Rede vor der Hitler-Jugend verwendete, um die neuen Ideale der Jugendlichen zu beschreiben. Darüber hinaus war die HJ bei feierlichen Aufzügen, Propagandamärschen, Paraden und Jugendapellen im Stadtbild präsent. Eine andere Bad Pyrmonter Bürgerin erinnerte sich zudem daran, dass die Jungmädel regelmäßig für die Soldaten der hiesigen Lazarette sangen und tanzten.
HJ und BDM
Die Hitlerjugend (HJ) war die Jugendorganisation des NS-Staates und zielte darauf ab, die Jugend ausschließlich im Geiste des Nationalsozialismus zu erziehen. Daher standen sowohl die körperliche Ertüchtigung als auch die politische und ideologische Schulung im Vordergrund, um die Jugend zu Trägern der NS-Ideologie zu machen. Darüber hinaus kam es zu geschlechtsspezifischen Unterschieden: Während die HJ den Schwerpunkt daraufsetzte, Jungen zu wehrtüchtigen und politisch zuverlässigen Soldaten zu erziehen, wurden Mädchen beim Bund Deutscher Mädel (BDM) im Sinne des NS-Frauenideals auf ihre künftige Rolle als Mutter vorbereitet und damit ihrer Verantwortung für den Erhalt und die Erziehung der ‚arischen Rasse‘. Dabei spielten auch hauswirtschaftliche Themen sowie die kulturelle Bildung eine Rolle. Zu Beginn des Regimes war die Mitgliedschaft in HJ und BDM noch freiwillig. 1939 wurde sie durch die Einführung der ‚Jugenddienstpflicht‘ verpflichtend. Grundlage dafür war das ‚Gesetz über die Hitlerjugend‘ von Dezember 1936, durch das die Jugendorganisation zur staatlich anerkannten Erziehungsstätte des NS-Regimes wurde. Nun wurden alle Kinder ab zehn Jahren zur Mitgliedschaft in der HJ oder dem BDM zwangsverpflichtet. Ausgenommen waren diejenigen, die aus ‚rassischen‘ Gründen ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig wurde die Jugendarbeit anderer Organisationen unterbunden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden BDM- und HJ-Mitglieder mit Aufgaben des Luftschutzes betreut, unterstützten bei der Kinderlandverschickung, Aufräumaktionen sowie bei Sammelaktionen für Kleider, Altmetall oder für das Winterhilfswerk (WHW).
„Alle wollten gern ‚flink wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl‘ werden.“
Zeitzeugin über ihre Zeit beim BDM
BDM-Gauführerinnenschule in Bad Pyrmont
Die HJ und der BDM spielten im Alltag vieler Jugendlicher eine maßgebende Rolle. Darüber hinaus diente Bad Pyrmont als Standort für eine von – zu diesem Zeitpunkt – über 20 BDMGauführerinnenschulen. Am 12. Mai 1933 wurde sie in der ehemaligen Pension Waldesruh/Königsbergheim am Hang des Königsberges als Schule des Obergau 8 (Niedersachsen) Hannover eingeweiht. Nach dem Prinzip ‚Jugend wird durch Jugend geführt‘, bei dem ältre Jugendlichen jüngere Mitglieder der Organisation anleiten, betreuen und führten sollten, wurden in den BDM-Schulen junge Frauen als Führerinnen ausgebildet. Etwa 35 ‚Mädel‘ pro Kurs erhielten in Bad Pyrmont jeweils ideologische Unterweisungen in Heimatkunde, Volks- und Rassenkunde, Unterrichtseinheiten über Erbgesundheit, Kurse in Sport, Gesang und in Wanderkunde. Das vom BDM angemietete Gebäude wurde allerdings bereits zu Beginn des Jahres 1937 an die NS-Kriegsopferversorgung verkauft, die dort später ein Kriegsblindenheim einrichtete. Die Schule zog nach Oelheim bei Peine und wurde dort in einem ehemaligen Kinderheim untergebracht.
Ausbildung nach NS-Vorstellungen
Der im Mai 1934 in der ‚Die Junge Front - Kampfblatt der niedersächsischen Hitler-Jugend‘ abgedruckte Sonderbericht thematisiert die Gauführerinnenschule in Bad Pyrmont, in der sich „in kameradschaftlichem Zusammensein“ all das angeignet werden sollte, „was notwendig ist, um den Mädel da draußen im Lande Vorbild, Führer zu sein.“ Der Artikel veranschaulicht die Indoktrination der Jugend und das Verweben ideologischer Inhalte mit Jugendarbeit. Entsprechend des Prinzips ‚Jugend wird durch Jugend geführt‘ sollte das dort gelernte in der eigenen Gruppe in der Heimat angewendet werden – von Spielen und Liedern bis hin zum Handwerk und Wandern. Dabei ging es stets um die nationalsozialistische Weltanschauung: Ideen der Volksgemeinschaft, Heimatverbundenheit sowie Bad Pyrmont als idealer Ort dafür wurden ebenfalls betont. Der Artikel ist ein Beispiel für die frühe Propaganda und das Einschwören auf einen angeblichen Kampf der kommenden Jahre, in dem das NS-Regime sich etablieren müsse.
Die Verwahrlosung der Jugend?
Das Ratsprotokoll vom 17.10.1940 zeichnet ein von den eigentlichen NS-Idealen abweichendes Bild. Scheinbar entsprach das Verhalten der Bad Pyrmonter Jugend nicht immer den hohen Ansprüchen der Stadtverwaltung. Bereits ein Jahr früher wurde ebenfalls im Rat die nicht zufriedenstellende Ausführung des Hitler-Gruß kritisiert. Der Tagesordnungspunkt bezieht sich gleichzeitig auch auf die sogenannten Heimabende, die neben paramilitärischen Übungen wesentlicher Bestandteil des HJ-Dienstes waren. Einmal wöchentlich trafen sich kleinere HJ-Ortsgruppen, um bestimmten Aktivitäten nachzugehen. So wurden beispielsweise gemeinsam speziell für die Jugend produzierte propagandistische Radiosendungen gehört. Auf Heimabenden des BDM wurden Briefe an Soldaten verfasst, Päckchen für Lazarettsoldaten gepackt oder verschiedenen Handarbeiten nachgegangen




