Zuchhold
Foto: Museum im Schloss

Hans Zuchhold 
(1898-1968)
Bürgermeister der Stadt Bad Pyrmont (1933-1942)

Der überzeugte Nationalsozialist Hans Zuchhold wurde 1933 als Bürgermeister installiert und prägte die Stadt bis 1942. Nach dem Krieg wurde Zuchhold zu der zentralen Entlastungsfigur der Bad Pyrmonter Bevölkerung.

Foto: Kreisarchiv Hameln-Pyrmont

Politische Betätigungen vor 1933

Hans Zuchhold, geboren 1898 in Danzig, betätigte sich bereits nach seinem Abitur entsprechend seiner politischen Überzeugungen: 1919 schloss er sich einem Freikorps Regiment an und nahm mit diesem am gescheiterten Kapp-Putsch teil, einem Umsturzversuch antidemokratischer Kräfte gegen die junge Weimarer Republik. 1923 trat er dem Stahlhelm, einem nationalistischen und paramilitärischen Soldatenverband, sowie der NSDAP in München bei. Selbst nach dem Verbot der Partei aufgrund des gescheiterten Hitlerputsch im November 1923, trat Zuchhold schon vor ihrer Wiedergründung im Februar 1925 der Bremer Ortsgruppe der NSDAP bei. 1924 wurde er Mitglied im Wehrverband Wehrwolf, in dem er bis 1927 auch Landesverbandsführer des Landesverbandes Weser-Ems war.
 

Beruflicher Werdegang

Beruflich war Zuchhold zeitweise bei der Reichsbank in Königsberg (ehem. Ostpreußen) tätig und studierte parallel Rechts- und Staatswissenschaften sowie Volkswirtschaft. Es folgten Anstellungen als Jurist bei Verbänden und Vereinen in Norddeutschland. Bei beiden Arbeitsplätzen wirkte er an den vereinseigenen Zeitungen mit. 1931 beendete er in Göttingen sein Staatsexamen als Diplom-Volkswirt mit einem Schwerpunkt in Kommunalwissenschaft. Ab 1932 war er einige Monate selbstständig und wurde gleichzeitig Leiter der Göttinger Zweigstellen der nationalsozialistischen Niedersächsischen Tageszeitung (NTZ). 
Im selben Jahr ernannte ihn der Gauleiter der NSDAP in Süd-Hannover-Braunschweig zum Gaupressewart. Darüber hinaus stieg er in die Chefredaktion der NTZ auf.
 

Veranstaltung in der Konzertmuschel im Kurpark, 
Stadtarchiv Bad Pyrmont

Zuchhold in Bad Pyrmont

Nachdem die Nationalsozialisten den Bad Pyrmonter Bürgermeister Karl Uhde Mitte 1933 aus dem Amt gedrängt hatten, ernannte der Landrat Hameln-Pyrmont Zuchhold zum kommissarischen Bürgermeister.  Im September 1933 folgte dann seine  offizielle Wahl durch den Stadtrat.  Während seiner Amtszeit betätigte sich Zuchhold ebenfalls als Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins und Schriftleiter der Kur- und Fremdenzeitung. 
Als kompetenter Propagandist trieb er die Bewerbung des Kurortes im nationalsozialistischen Sinne voran.

Darüber hinaus setze er nationalsozialistische Gesetze auf kommunaler Ebene um. Unter seiner Führung fand die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben der Stadt sowie dem Kurbetrieb statt: 1935 rief er beispielsweise zum Boykott jüdischer Geschäfte auf und veranlasste im Laufe der Zeit weitere schwerwiegende antisemitische Aktionen. Auch ging er gegen die in Bad Pyrmont ansässige  Gruppe der Freimaurer vor.

Gleichzeitig häuften sich seit Beginn Zuchholds Tätigkeit als Bürgermeister Beschwerden gegen ihn, seinen Charakter und seine Arbeitsweise. Im September 1942 wurde er aufgrund einer Vermischung persönlicher, dienstlicher und gesundheitlicher Gründe in den Ruhestand versetzt. Seine nationalsozialistische Ausrichtung stand dabei nicht in der Kritik.



„Mit Zuchhold ist ein alter Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung in ein verantwortungsvolles Amt gestellt, welches im ganz besonderen Maße Tatkraft und Umsicht erfordert, um den mannigfaltigen und schwierigen Aufgaben eines Badeortes, wie Bad Pyrmont, gerecht zu werden.“ 
Weser-Echo, 27./28. Oktober 1934 
 

Hans Zuchhold – Zwischen Amt und Affären

Dienstliche Zwischenfälle/Konflikte

Während seiner Dienstzeit geriet Zuchhold häufig in Konflikt mit verschiedenen Dienststellen. Einer dieser Konflikte resultierte aus seinen Bestrebungen eine höhere Besoldung zu erhalten und sich weitere Nebeneinkünfte genehmigen zu lassen. Zudem versuchte er kontinuierlich seine spätere Pension aufzustocken. Dies löste bei verschiedenen Stellen – vom Bad Pyrmonter Rat, über den Landrat bis hin zum Regierungspräsidenten – Unmut aus.

Darüber hinaus wurde Zuchhold bereits 1934 mit einer Beschwerde gegen seine  Arbeitsweise als Bürgermeister konfrontiert: Ein städtischer Angestellter bezichtigte ihn der fehlenden – aber zugesagten – Unterstützung im Konflikt mit einem Vorgesetzten. Zuchhold habe ihm versprochen in  einem Streit zu vermitteln, schlussendlich sei er jedoch ohne weiteres entlassen und von Zuchhold nicht unterstützt worden.

Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich ebenfalls 1934 in Form des Suizids des Stadtinspektors Ritterbusch. Ritterbusch war für die Verwaltung der Finanzen der städtischen ‚Adolf Hitler-Bad Pyrmont-Stiftung‘ verantwortlich. Nachdem bei einer Kassenprüfung fehlende Gelder festgestellt  wurden, wurde Ritterbusch Veruntreuung vorgeworfen. Daraufhin suizidierte sich dieser im Rathaus. In der Nachkriegszeit verdichteten sich Erzählungen, Zuchhold selbst sei verantwortlich für die Veruntreuung der Gelder, Ritterbusch habe ihm das Geld geliehen oder Zuchhold habe Ritterbusch unter Druck gesetzt.

Private Konflikte

Über diese dienstlichen Beschwerden hinaus kam es im Laufe der Zeit auch zu weiteren privaten Verfehlungen. Das wohl schwerwiegendste Vorkommnis ereignete sich während des Krieges: Im Jahr 1941 wurde Zuchhold in eine Propagandaeinheit nach Potsdam eingezogen. Dort blieb er jedoch nur kurz, da er aufgrund einer Erkrankung in ein Lazarett verlegt wurde. Nach einer kurzen Genesungszeit kehrte er vorläufig nach Bad Pyrmont zurück. Um weiter Bürgermeister bleiben zu können, versuchte er bereits seit seiner Einziehung ‚unabkömmlich‘ (Uk.-Stellung) eingestuft zu werden. Diese Bemühungen intensivierte er, nachdem er wieder in Bad Pyrmont war.

Parallel dazu traf Zuchhold seine ehemalige Verlobte Elsa Henke wieder und verließ daraufhin 1942 seine erste Ehefrau, mit der er seit 1928 verheiratet gewesen war. Er wollte Elsa Henke heiraten, die jedoch mit einem Zuchhold unterstellten Feldwebel verheiratet war. Beide baten den Feldwebel Henke darum, in eine Scheidung von seiner Frau einzuwilligen, damit diese Zuchhold heiraten könnte. Dieser weigerte sich jedoch und der Konflikt eskalierte: Nach einem weiteren Streit mit seiner Ehefrau enterbte Feldwebel Henke sie in seinem Testament und suizidierte sich in der gemeinsamen Wohnung. Anschließend zog die verwitwete Elsa Henke mit ihrer Mutter zu Zuchhold nach Bad Pyrmont. Die Umstände ihres Umzuges wurden zum Stadtgespräch und die Verbindung der beiden von der Bevölkerung kritisch beäugt.
 

Rauswurf aus der SA

Nicht nur sein Bürgermeisteramt verlor Zuchhold, auch für die SA wurde er nach Auffassung des Obersten SA-Gerichtes untragbar. Grund dafür waren der Vorfall um die Eheleute Henkel, Zuchholds generelles Auftreten sowie seinen ärztlichen Diagnosen. In dem Beschluss hieß es: „Sein Einbruch in die Ehe eines Untergebenen, die wissentlich falsche Bezichtigung seines ihm unterstellten Amtsverwesers (Stellvertreters), das fortgesetzte Drängen nach einer ihm mehrfach abgelehnten Uk.-Stellung, sein Versuch die Stadt-Kasse mit  Kosten zu belasten, die er teilweise völlig, teils im gewissen Umfang privat zu tragen gehabt hätte und die durch all das aktenkundig erwiesene Erregung von Missstimmung in der Bevölkerung von Bad Pyrmont gäben an sich Anlass zur Eröffnung eines SA-gerichtlichen Verfahrens.“ Auf dieses weitere Verfahren wurde mit Verweis auf seine Parteiverdienste allerdings verzichtet. Mit Wirkung vom 6. April 1943 wurde er aus der Organisation entfernt. Bis in den Frühling 1945 versuchte Zuchhold vergeblich, wieder in die SA aufgenommen zu werden. Die NSDAP Mitgliedschaft blieb hingegen bestehen.

Karriereende in Bad Pyrmont

Zuchholds ständige Versuche sich als unabkömmlich einstufen zu lassen, um Bürgermeister in Bad Pyrmont bleiben zu können, scheiterten. Die von ihm erhoffte Unterstützung durch Regierungspräsident und Landrat erhielt er nicht. Mit Verweis auf seinen Stellvertreter Stadtrat Wiedel wurde er 1942 erneut zum militärischen Dienst berufen.

Nach einer größeren Auseinandersetzung im Stadtrat, in der Zuchhold versuchte  Wiedel zu diskreditieren und sich selbst durch Beschluss des Rates unabkömmlich stellen zu lassen, eskalierte die Situation. Mit Verweis auf seine Gesundheit und damit nicht reisefähig zu sein verweigerte er seinen Marschbefehl.

Die Wehrmachtsdienststelle bestand jedoch auf den Befehl und Zuchhold  erlitt im Rathaus einen Nervenzusammenbruch. Wiederholt verwies er auf die Witwe Henke, derentwegen er nun nicht mehr in den Kriegseinsatz könne. Ein ärztliches Gutachten attestierte Zuchhold im Anschluss sowohl physische als auch psychische Probleme. Er wurde beurlaubt, verließ schließlich Bad Pyrmont und wurde seines Bürgermeisteramtes enthoben. Der Regierungspräsident in Hannover hatte ihm persönlich nahegelegt sein Abschiedsgesuch einzureichen. Auch die Gauleitung Süd-Hannover-Braunschweig unterstützte Zuchholds Antrag auf Versetzung in Ruhestand. Diesem entsprach die Stadt Bad Pyrmont sofort – auch weil seine wirtschaftliche Lage nicht mehr vertrauenswürdig war. Im Oktober 1942 übernahm sein Nachfolger Landrat a. D. Richard Seebohm die Dienstgeschäfte als Bürgermeister.

Zuchhold nach 1945

Zuchhold tauchte erstmals wieder 1954 öffentlich auf, als er im Dezember die Wiederaufnahme der Zahlungen seiner Ruhegehaltsbezüge beantragte. Die Angaben zu seinem Verbleib zwischen 1943 und 1954 sind von Unklarheiten und Widersprüchen geprägt. Fest steht, dass er nach dem Krieg vorerst unter einem Pseudonym lebte und in einer Finanzbehörde, einer Dienststelle der französischen Besatzungsmacht und später bei einer Industrie- und Handelskammer in Süddeutschland arbeitete. Auch in dieser Zeit trat er strafrechtlich mehrfach in Erscheinung, unter anderem wegen Verleumdung und einer Anklage 
wegen Eingehen einer Doppelehe.

Als 1954 das Straffreiheitsgesetz verabschiedet wurde und NS-Tätern wie ihm damit juristische Amnestie zugesprochen wurde, tauchte Zuchhold wieder auf und beantragte offiziell die Wiederaufnahme seiner Ruhegehaltszahlungen. Sein Antrag wurde mit Verweis darauf, dass er den Bürgermeisterposten nur aufgrund seiner Verbindung zum Nationalsozialismus erhielt, von jeglichen Instanzen abgelehnt. Auch seine Gesuche vor dem Bundesverfassungsgericht und ein Schreiben an den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss blieben ohne Erfolg. Die Versorgungszahlungen blieben ihm verwehrt. 

Entlastungsfigur Zuchhold

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde Zuchhold für viele Bad Pyrmonter zur Entlastungsfigur. Angestellte der Stadtverwaltung oder auch einzelne Bürger nutzten Zuchholds Verfehlungen nun, um ihn in ihren eigenen Entnazifizierungsverfahren – und darüber hinaus – als Personifikation des Nationalsozialismus darzustellen. 
Sein parteiideologischer Fanatismus, sein unmoralischer Lebensstil und auch seine strafrechtlich relevanten Delikte eigneten sich dafür ideal. Ihm konnte man die Schuld für das eigene Verhalten zuschreiben. Erzählungen über den ‚Nazi-Bürgermeister‘ oder den größten ‚Naziaktivist weit und breit‘ verschleierten das eigene Handeln.

So konnte man Zuchhold auch für eigene Mitgliedschaften in NS-Organisationen verantwortlich machen und sich selbst von jeglicher Schuld reinwaschen. Eine Kritik an Zuchholds Amtsführung oder persönliche Konflikte mit ihm konnten bei der Entnazifizierung als Beweis für den eigenen Widerstand gegen das NS-Regime umgedeutet werden. Ein angebliches Entgegentreten gegen Zuchhold wurde somit als Zeichen für die Distanz zum Nationalsozialismus gewertet. Vorteilhaft in dieser Angelegenheit war, dass Zuchhold als Externer selbst keine Verbindungen mehr nach Bad Pyrmont hatte und auch nicht mehr vor Ort war. Die von der Entnazifizierung Betroffenen konnten ihm so die Schuld an Unrechts- und Verfolgungsmaßnahmen geben, ohne Widerspruch befürchten zu müssten. Auf diese Weise ermöglichte die „Figur Zuchhold“ vielen Pyrmontern eine kollektive Schuldabwehr – und ihre Existenz verdeutlichte, dass es Menschen gab, die diese benötigten.

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