DIE ETABLIERUNG DER NS-DIKTATUR IN BAD PYRMONT
Das Ender der 'Goldenen Zwanziger' und die Etablierung der NS-Diktatur
Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 brach auch für Bad Pyrmont ein neues Kapitel an. Die rege Bautätigkeit in der Stadt endete. In der Folge nahm die Arbeitslosigkeit erneut zu, während sich die Kosten der Wohlfahrtspflege vervierfachten. Durch den Bankrott zweier Geldinstitute in Bad Pyrmont verstärkte sich die negative Entwicklung zusätzlich. Wegen Neuanschaffungen, Reparaturen und Erneuerungen konnte auch die Bad Pyrmont AG ab 1930 keine Dividende mehr auszahlen. Das war für die Stadt ein harter Schlag, da auch die Beteiligung über Anleihen finanziert wurde. Besonders gravierend war jedoch der Rückgang der Besucherzahlen des Bades: Kamen im Jahr 1928 noch 20.000 Kurgäste, wurde ein Tiefpunkt mit 11.793 Gästen im Jahr 1932 erreicht.
Nach der ‚Machtübernahme‘ erfolgten auch in Bad Pyrmont die Gleichschaltung der Verwaltung und anderer Institutionen sowie die Etablierung neuer Strukturen. Dabei waren die kommunalen Verwaltungen bei der Umsetzung von Repressionen gegen die von den Nationalsozialisten Verfolgten von zentraler Bedeutung. Die Nationalsozialisten strukturierten die personelle Besetzung der Gremien und der Verwaltung so um, dass sie den Einfluss der Partei in möglichst viele Bereiche ausweiteten und sicherstellten. Der Großteil des Verwaltungsapparates blieb jedoch personell unverändert. Eine Einflussnahme und Mitbestimmung der Bevölkerung war kaum mehr möglich. Es folgten vielerorts Umbenennungen von Straßen, die Verleihung von Ehrenbürgerschaften und weitere ideologisch aufgeladene Beschlüsse.
Ein neuer „tatkräftiger, energischer, verantwortungsfreudiger und im Geiste der Zeit gehender“ Bürgermeister für Bad Pyrmont?
NSDAP-Fraktion in einem Schreiben an den Bad Pyrmonter Magistrat
Die Absetzung von Bürgermeister Karl Uhde
Karl Uhde war seit 1924 Bürgermeister in Bad Pyrmont. In einem für Zeit typischen Verfahren wurde er 1933 abgesetzt und durch den Nationalsozialisten Hans Zuchhold ersetzt.
Der 'Fall Vietmeyer'
Der ‚Fall Vietmeyer‘ zeigt eindrücklich, dass dem NS-Regime innerhalb von nur wenigen Monaten eine tiefgreifende Veränderung der politischen Ordnung in Deutschland gelungen war.
Einfluss des Magistrats auf die Bad Pyrmont AG
Bis 1933 hatte Karl Uhde einen Platz im Vorstand der Bad Pyrmont AG, die für die Verwaltung des Bades zuständig war. Nachdem Uhde sein Bürgermeisteramt aufgeben musste, bemühte sich der neue Magistrat darum, auch den neuen Bürgermeister auf den Posten zu bringen und so den Einfluss der Partei zu sichern. Dieser Prozess geht aus einem Briefwechsel zwischen der Bad Pyrmont AG und dem Magistrat hervor. Die Bad Pyrmont AG bestätigt darin, dass Uhde zwar als Vertretung der Stadt in den Vorstand gewählt wurde, jedoch nicht in seiner Funktion als Bürgermeister. Der Posten sei folglich nicht mit dem Amt verbunden. Der Magistrat forderte daraufhin Uhde auf, sein Amt abzulegen, da der Magistrat Wert darauf lege, dass der jeweilige Bürgermeister das Amt bekleide. Kurze Zeit später ließ Zuchhold verlautbaren, dass Uhde sein Amt abgelegt habe und nun der Posten automatisch mit dem Bürgermeisteramt verbunden sei.
Bad Pyrmont erhält neue Straßennamen
Kirchstraße - Straße des 30. Januar
Altenauplatz - Schlageterplatz, benannt nach dem von den Nationalsozialisten propagandistisch zum Märtyrer hochstilisierten Leo Schlageter
Bahnhofstraße - „Viktor-Lutze-Straße“, benannt nach Viktor Lutze, einem nationalsozialistischen Politiker und dem Stabschef der SA
ehemalige Schulstraße (heute Rathausstraße) - „Ruststraße“, benannt nach dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust
Die Schillerstraße - „Straße der SA“
Südtsraße (heute) - „Adolf-Hitler-Straße“ (heute Südstraße)
Ratsprotokolle
Die Deutsche Gemeindeordnung schrieb ausdrücklich vor, dass von den Gemeinderatssitzungen Protokolle anzufertigen waren. Die Sitzungsprotokolle der politischen Gremien Bad Pyrmonts sind jedoch für die Zeit des Nationalsozialismus nur lückenhaft überliefert. Die Jahrgänge 1934/35 fehlen fast vollständig. In einer Akte aus den 1950er Jahren befinden sich Abschriften von Sitzungsprotokollen der Ratsherren und Beigeordneten, die heute nicht mehr aufzufinden sind. Was mit den Protokollen geschah, konnte bis dato nicht geklärt werden. Auch wenn deren Aussagekraft in einem Ein-Parteien-‘Parlament‘, das nach dem Führer-Prinzip konstituiert war, immer stärker abnahm, ist diese Lücke in der Überlieferung für das Verständnis lokalpolitischer Entscheidungen und Entwicklungen gravierend.
Tagesordnungspunkte der Magistratssitzungen
Vergleicht man die reine Anzahl der Tagesordnungspunkte der Ratsprotokolle vor und nach der ‚Machtübernahme‘, zeigte sich eine Steigerung von etwa 75 Prozent. Zu erklären ist dies zum einen durch die vermehrte Umsetzung von Erlassen der Nationalsozialisten auf überregionaler Ebene, wie z. B. der Beschluss, dass die Neuwahl der Elternbeiräte nach dem Gleichschaltungsgesetz durchzuführen sei. Zum anderen finden sich auch vermehrt ideologisch aufgeladene Beschlüsse auf rein lokaler Ebene, wie etwa die Umbenennung von Straßen oder die Ernennung von Ehrenbürgern.
Neue Strukturen nach der ‚Machtübernahme‘
Der Einzug des Nationalsozialismus in Bad Pyrmont ist aus Perspektive der Protokolle ein schleichender. Die ‚Machtübernahme‘ findet in den Niederschriften keine Erwähnung. Auch die Reichstags- und Landtagswahlen am 5. März 1933 erschütterten vorerst nicht die Magistratssitzungen. Örtliche Kräfte aus NSDAP und SA unterwanderten jedoch schleichend die Institutionen. Von oben wurden gesetzliche Grundlagen geschaffen, die eine Einflussnahme und Mitbestimmung der nicht nationalsozialistischen Bevölkerung vieler Orts kaum möglich machten. Die personelle Besetzung der Gremien wurde so umstrukturiert, dass sie den Einfluss der Partei in möglichst viele Bereiche ausweiteten und sicherstellten. Hier war Bad Pyrmont keine Ausnahme: Am 09. Mai 1933 änderte sich die Zusammensetzung des Magistrats. Die bisherigen Senatoren Wichmann, Tege, Köhler und Otte wurden durch die Senatoren Ranft, Prof. Dr. Vogt und Brandt ausgetauscht. Bürgermeister Uhde blieb vorerst im Amt. In den folgenden Sitzungen des Monats Mai wurden die Ausschüsse neu besetzt, unter anderem mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP Friedrich Pieper, der am 9. Mai erstmalig erwähnt wurde. Später wurde er der 1. Beigeordnete des Bürgermeisters. Mit der Einsetzung Hans Zuchholds im Juli 1933 als Bürgermeister wurde auch diese, nun zentrale Position, mit einem NS-Funktionär besetzt. Ein vollumfänglicher Austausch der Verwaltungsmitarbeiter mit NS-Treuen geht aus den Quellen nicht hervor. Dies ist auch nicht ungewöhnlich und zeugt davon, dass die bisherigen Verwaltungsmitarbeiter die NS-Maßnahmen und Verfolgungspolitik mitgetragen haben. Gleichwohl kann im Falle Bad Pyrmonts von einer Zäsur innerhalb der kommunalpolitischen Struktur gesprochen werden.
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Karl Uhde
Karl Uhde war Bürgermeister in Bad Pyrmont während der Weimarer Republik und wurde 1933 durch die Nationalsozialisten abgesetzt.










