Familie Lichtenstein
Die Geschichte der Familie Lichtenstein ist ein Beispiel für die wirtschaftliche Entrechtung und finanzielle Ausbeute jüdischer Menschen, noch vor ihrer Deportation und Ermordung. Die Familie – bestehend aus Fritz, Hedwig, Aurelie (genannt Berta) und der Mutter Laura Lichtenstein – besaß in der Viktor-LutzeStraße 51 (heute Bahnhofstraße) eine Pension, die später zum sogenannten ‚Judenhaus‘ erklärt wurde. Zuvor hatte sie während der Kursaison Zimmer an Gäste vermietet und lebte nach Saisonende selbst dort. Nach 1939 lebte die Familie dauerhaft dort. Ihr gemeinsamer Haushalt wurde aus Einkünften der Erbengemeinschaft finanziert. Ab 1938 griff der nationalsozialistische Staat auf das Vermögen der Lichtensteins zu. Mit einer sogenannten ‚Sicherungsanordnung‘ entzog die Zollfahndungsstelle der Familie die Kontrolle über ihre Konten. Begründet wurde dies mit einem angeblichen Fluchtverdacht, da Fritz Lichtenstein Kontakt zu einer ausländischen Frau gehabt habe. Diese Begründung entsprach der gängigen Praxis: Unter dem Vorwand, „vorbeugende Maßnahmen gegen Vermögenstransfer“ zu ergreifen, konnten Behörden jüdischen Personen jede Verfügung über ihr Eigentum entziehen. Die Familie durfte nur noch über geringe, von der Devisenstelle genehmigte Beträge verfügen.
In einem Schreiben aus dem Jahr 1939 erklärte Fritz Lichtenstein, dass er die Absicht habe nach Palästina auszuwandern. Eine Ausreise kam jedoch nie zustande. Stattdessen absolvierte er 1940 in Berlin eine Berufsumschulung und musste dem Oberfinanzpräsidium Hannover jede Veränderung seiner Einkünfte oder Ausgaben melden. Die Behörde legte fest, welchen Teil seines Lohnes er persönlich entgegennehmen durfte. Diese totale Kontrolle spiegelte die wirtschaftliche Entrechtung der jüdischen Bevölkerung wider. Parallel dazu wurde das materielle Vermögen der Familie erfasst. Silbersachen, Sparbücher, Versicherungsscheine und Hypothekenbriefe mussten abgegeben werden. Auch der Verkauf eines Grundstücks in Hannover-Döhren im September 1939 unterlag der Kontrolle der Finanzverwaltung. Der Erlös daraus floss in die diskriminierende ‚Judenvermögensabgabe‘ und wurde anschließend ebenfalls gesperrt.
Aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit war Laura Lichtenstein im jüdischen Krankenhaus Hannover untergebracht. Auch hier musste sie die Oberfinanzdirektion über die Kosten von Unterkunft, Arzt und Medikamenten informieren und um Freigabe der entsprechenden Beträge bitten. Selbst für alltägliche Anschaffungen wie Wäsche, Kleidung oder Körperpflege musste die Familie genaue Aufstellungen vorlegen. Laura Lichtenstein wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und verstarb dort. Danach begann die endgültige Verwertung ihres Besitzes. Ihr Hausrat wurde im Finanzamt Bad Pyrmont eingelagert und anschließend für 74 Reichsmark zugunsten der Oberfinanzkasse Hannover verkauft. Fritz Lichtenstein wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Über das Schicksal der Schwestern Hedwig und Aurelie ist weniger bekannt: Ihre Spur verliert sich nach der Deportation in das Ghetto Warschau.

