SCHLOSS PYRMONT

Geschichte des Schlosses
Zwischen 1706 und 1710 entstand das heutige Schloss auf der damals fast 150 Jahre alten Festungsinsel. Es diente der fürstlichen Familie Waldeck lange Zeit als Sommerresidenz, in der sie aber nur wenige Wochen im Jahr verbrachte. Die Familie hatte die Grafschaft Pyrmont und die dazugehörende Festungsinsel in den 1620er Jahren von Verwandten geerbt, lebte aber auf ihrem Hauptwohnsitz in Bad Arolsen. Im 18. Jahrhundert entstand auch das Kommandantenhaus in der Mitte der Festungsinsel. Dort wohnten dauerhaft ein Kommandant und einige Soldaten. Sie bewachten die Festung und hielten die Anlage in Stand. Zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert wurde das Schloss von der fürstlichen Familie immer weniger genutzt. Nur die Fürstin Bathildis suchte das Schloss und den Kurort vergleichsweise regelmäßig auf. Sie bewohnte dann ein paar Räume der Beletage und im Dachgeschoss. Im Kommandantenhaus lebten ebenfalls keine Soldaten mehr, sondern Angestellte der Stadt und der Kureinrichtungen. Nach dem Ersten Weltkrieg dienten einige Räume des Kommandantenhaus ab 1923 zeitweise als Unterkunft für Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet, bis diese in der Umgebung feste Wohnungen fanden. In den anderen Räumen waren weiterhin Angestellte untergebracht oder sie wurden als Depoträume vermietet.
Verkaufsüberlegungen in den 1920er Jahren
Anfang der 1920er Jahre gab es zunehmend Anfragen die Festungsinsel mit Schloss und teilweise auch dem dazugehörigen Hofgarten zu mieten oder zu kaufen. Die fürstliche Verwaltung der Familie Waldeck lehnte diese Angebote jedoch konsequent ab. Erst im Juni 1925 erklärte sich Fürst Friedrich von Waldeck-Pyrmont bereit, die Insel zu verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es mehrere Interessenten: Verschiedene Privatleute, ein Weinguthändler und einen katholischer Orden. Gegen den Verkauf des Schlosses an letzteren legte aber die hiesige evangelische Kirche massiven Widerstand ein. Auch die Bad Pyrmonter Kurverwaltung zeigte Interesse an der Festungsinsel. Sie wollten die Insel nutzen, um auf der Wallanlage oder im großen Schlosshof ein Konzerthaus oder ein weiteres Kurhotel zu errichten. Der Fürst forderte für das Schloss und die Festungsanlage eine verhältnismäßig hohe Summe und zeigte sich kaum zu Verhandlungen bereit. Viele Interessenten hielten den Preis für überzogen und zogen sich zurück. Nur die Kurverwaltung führte die Verhandlungen fort. Sie schätzten den Wert der Anlage allerdings nur auf ein Drittel des gwünschten Betrags und waren auch nicht bereit den geforderten Preis zu zahlen. Nach fast zwei Jahren brach auch sie die Verhandlungen ab. Das Schloss und die Festungsinsel blieben bis 1954 im Besitz der Fürstenfamilie Waldeck.

Das Schloss in den 1930er Jahren
Nach dem gescheiterten Verkaufsversuch vermietete die Fürstenfamilie weiterhin das Kommandantenhaus und einige Räume im unteren Geschoss des Schlosses, um die laufenden Kosten zu decken. Mieter waren vor allem Hofgartendirektor Dirks und seine Gärtner, aber auch Privatleute, die einige Räume als Lager nutzten. 1935 beantragte die Jungmädel-Gruppe des BDM, zwei Räume im Schloss zu mieten. Der Fürst lehnte dies ab. Er erklärte, er würde die Gruppe zwar gerne unterstützen, habe jedoch gehört, dass es mit der Unterbringung von Organisationen schon schlechte Erfahrungen gegeben habe. Außerdem müsse er dann allen Organisationen, wie zum Beispiel der HJ, Zugang gewähren. Das wollte er allerdings nicht. Damit blieb das Schloss alleine Privatpersonen zur Vermietung offen. 1938 wandte sich Bürgermeister Hans Zuchhold an die fürstliche Familie: Er bat darum, das Schloss der Stadt Bad Pyrmont zu schenken. Die fürstliche Verwaltung verneinte: „Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, dass sowohl S.D. (Seine Durchlaucht), der SS. Obergruppenführer Erbprinz Josias und seine Brüder diesen alten Familienbesitz, solange er tragbar ist, der Familie zu erhalten wünschen und daher eine Veräußerung nicht in Erwägung ziehen können.“ Im selben Jahr übertrug Fürst Friedrich von Waldeck-Pyrmont die Bad Pyrmonter Grundstücke an seine drei Söhne: Erbprinz Josias, Prinz Max und Prinz Georg-Wilhelm. Jeder erhielt ein Drittel des Schlosses. Die Verwaltung der Festungsinsel lag von nun an in den Händen der Söhne. Der Fürst sicherte sich dabei jedoch ein lebenslanges Nießbrauchrecht, das ihm die Nutzung der Anlage bis zu seinem Tod garantierte. Entscheidungen treffen durfte er allerdings nicht mehr.
Das Schlossinventar
Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden das Kommandantenhaus und das Untergeschoss des Schlosses weiterhin vermietet. Da man anfangs nicht davon ausging, dass das Schloss Ziel eines Angriffes oder eines Raubes werden könnte, blieben die Beletage und das Dachgeschoss für die fürstliche Familie und deren Gäste voll ausgestattet. Auch wertvolle Gegenstände wurden nicht im Sockelgeschoss oder in den Katakomben gelagert, die bei möglichen Angriffen Schutz geboten hätten. Erst im Juli 1942 erhielt die örtliche Polizeiverwaltung die Anweisung, wertvolle Kunstgegenstände – vor allem Gemälde – aus dem Schloss zu holen. Man befürchtete nun offenbar doch einen möglichen Angriff auf Bad Pyrmont: „Die Polizeiverwaltung beabsichtigt daher einige Bilder – das Portrait der Prinzess Adelheid, des Zarn Peter der Großen u.s.w. in ihren Stellschränken unterzustellen.“ Die Fürstliche Hauptverwaltung stimmte diesem Vorhaben zu. Erst später, als das Schloss langfristig vermietet werden sollte, brachte man Möbel und anderen Hausrat in das Sockelgeschoss und die Katakomben. Von dort wurden sie im Anschluss nach Bad Arolsen transportiert, verliehen oder verkauft.
„Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, dass sowohl S.D. (...) diesen alten Familienbesitz, solange er tragbar ist, der Familie zu erhalten wünschen.“
Die fürstliche Verwaltung an Bürgermeister Zuchhold, 1938
Die Verpachtung an die Provinz Hannover
Im Jahr 1943 wurden erneut Kaufverhandlungen geführt. Die Provinz Hannover äußerte ebenfalls Interesse am Kauf der Insel. Der Gau Süd-Hannover-Braunschweig hatte als selbsterklärtes „germanisches Kernland und politische Zentrale des germanischen Gemeinschaftsgedankens“ die Patenschaft über das III. Germanische SS-Panzer-Korps übernommen. Um den Heimatgedanken des Korps zu stärken, sollte jeder Einheit eine Partnerstadt zugewiesen werden, in der sich Erholungsheime für die Mitglieder befanden. Ein solches Erholungsheim sollte das Schloss in Bad Pyrmont werden. Die Waldecker Familie war jedoch nur dazu bereit das Schloss langfristig zu vermieten oder ganz zu verkaufen. Deswegen plante die Provinz Hannover für die Zeit nach dem Krieg auf der Schlossinsel ein weiteres Kurhotel zu errichten – ähnlich wie es schon einmal in den 1920er Jahren angedacht war. Da sich die drei Eigentümer des Schlosses zu diesem Zeitpunkt aber an verschiedenen Kriegsschauplätzen aufhielten, zog sich die Mietvereinbarung einige Zeit hin. Erst am 1. Juli 1944 begann das Mietverhältnis. Von diesem Zeitpunkt an sollten auf der Festungsinsel Verwundete des Germanischen SS-Panzer-Korps untergebracht werden und das Schloss erhielt den Namen ‚Haus des Germanischen SS-Panzer-Korps‘. Die Möbel, die sich zu diesem Zeitpunkt noch im Schloss befanden, wurden zum Hauptwohnsitz der Fürstenfamilie nach Bad Arolsen gebracht oder wurden an das ‚Germanische Haus‘ verliehen.
„Meine Stellungnahme zum Nationalsozialismus war durchaus positiv bis zum Zusammenbruch.“
Josias zu Waldeck und Pyrmont in seinem Spruchkammerverfahren, 1949
Die Flämische Exilregierung im Schloss
Im Jahr 1944 wurde das Schloss kurzzeitig zum Sitz der flämischen Exilregierung. Nach dem Ersten Weltkrieg verschärften sich in Belgien Spannungen zwischen den beiden großen Sprachgebieten, den Flamen und den Wallonen. Es entstanden flämisch-nationalistische Parteien, die sich für mehr Selbstbestimmung Flanderns einsetzten. Aus einer dieser Parteien entwickelte sich die ‚Deutsch-Vlämische Arbeitsgemeinschaft‘ (DeVlag), gegründet von Jef Van de Wiele. DeVlag stand dem nationalsozialistischen Deutschland nahe und wurde Anfang des Zweiten Weltkrieges kurzzeitig verboten. Nach der Kapitulation der belgischen Regierung im Mai 1940 arbeitete DeVlag eng mit der deutschen SS zusammen. Van de Wiele warb neue Mitglieder für die ‚Germanische Revision‘ der Waffen-SS und stieg selbst zum Rang eines SS-Sturmbannführers auf. Als sich im August 1944 amerikanische Truppen Belgien näherten, flohen rund 15.000 DeVlag-Anhänger in das ‚Deutsche Reich‘, viele in die Lüneburger Heide. Die Führung von DeVlag zog in das Schloss Bad Pyrmont. Verantwortlich dafür ist wahrscheinlich der Obergruppenführer Josias von Waldeck-Pyrmont. Unter der Leitung von Van de Wiele bildete sich eine flämische Exilregierung. Sie entwarf eine neue Verfassung für Flandern, plante eine militärische Gegenoffensive und erklärte ihre Unterstellung unter Adolf Hitler und dem NS-Regime. Die ausgearbeiteten Pläne wurden allerdings nicht umgesetzt. Jef Van de Wiele wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verhaftet und nach Belgien ausgeliefert.
Audioguides zum Thema
Nachkriegszeit
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nutzte das amerikanische Militär das Schloss bis Ende Juni 1945 zur Unterbringung ihrer Soldaten. Anschließend wurde es vom neuen Bürgermeister und der Stadt Bad Pyrmont für die britische Militärregierung beschlagnahmt. Sie nutzten einige Räume als Büroräume. Nach der englischen Militärregierung wurde das Schloss von der Landesversehrtenfachschule zu Lehrzwecken genutzt. Dort konnten Soldaten, die durch Kriegsverletzungen ihre früheren Berufe nicht mehr ausüben konnten, einen neuen Beruf erlernen. 1954 wurde die Festungsinsel mit dem Schloss von der Familie Waldeck an das Land Niedersachsen verkauft.





