Famlie Sturmthal
Die Familie Sturmthal ist ein Beispiel einer eng mit Bad Pyrmont verbundenen jüdischen Familie, die durch das ‚Dritte Reich‘ verdrängt wurde und sowohl finanzielle als auch materielle Ausbeutung erfuhr. Dr. Gustav Sturmthal war bis Mitte der 1930er Jahre einer der meistaufgesuchten Ärzte in Bad Pyrmont. Selbst nach der öffentlichen Kennzeichnung als ‚jüdischer Arzt‘ blieb seine Beliebtheit. Dies lag größtenteils daran, dass er auch außerhalb seiner Sprechzeiten für Patienten erreichbar war, aber auch, weil er ein ausgesprochen guter Arzt war. In einer Sitzung der Beigeordneten der Stadt 1935 wurde diese Beliebtheit stark kritisiert.
Während der Pogromnacht 1938 schlugen SA-Männer die Fenster des Textilgeschäftes des Vaters Nicolaus Sturmthal ein, brachen in die Praxis von Gustav Sturmthal ein und entwendeten Patientenunterlagen. Der Deportation in das Konzentrationslager Buchenwald entgingen die Männer durch ihre Beziehung zum Apotheker und stellvertretenden Bürgermeister Friedel Wiedel. Trotzdem entschloss sich die Familie nach der Reichspogromnacht Bad Pyrmont und das ‚Deutsche Reich‘ zu verlassen. Schon vor der Reichspogromnacht versuchten die Sturmthals Besitz zu veräußern, um Geld für die Emigration zu beschaffen. Gustav und Nicolaus verkauften dazu ihre Anteile an den Pyrmonter Wasserwerken, ein Auto und weitere Versicherungsanteile. Diese Verkäufe gestalteten sich aber schwierig. Mithilfe der Quäkerin Mary Friedrich wurden im Dezember 1938 zuerst die Töchter Elga und Gerda Sturmthal nach Winscobe England in das Quäker-Internat in Sidcot geschickt. Anfang 1939 folgten auch Gustav und Hildegard Sturmthal. Nicolaus Sturmthal kam Ende 1939 mit seiner Haushälterin Johanna Israelsohn ebenfalls nach. Gustav und Hildegard planten zunächst in die USA weiterzureisen, dies scheiterte aber, da es der Familie an Geld für die Weiterreise fehlte. Vor ihrer Emigration musste die Familie Sturmthal eine genaue Liste an angemeldetem Umzugsgut erstellen. Dabei handelte es sich um Praxiszubehör von Gustav Sturmthal, Möbel und Kleidung der Familie, die sie nach ihrer erfolgreichen Emigration nachsenden lassen wollten. Es entstanden zwei Listen: Güter, die vor 1933 erworben wurden und danach. Auf die Güter, die nach 1933 gekauft wurden, wurden hohe Steuern erhoben, um sie auszuführen.
Deshalb nahm die Familie sie nicht sofort mit. Eingelagert wurden die Gegenstände in sogenannten ‚Liftvans‘ in Bremen, bis die Gestapo sie 1941 beschlagnahmte und versteigerte. Der Erlös aus den Versteigerungen ging an den Staat. Dieses Vorgehen der völligen finanziellen und materiellen Ausbeutung der Familie war kein Einzelfall. Familie Sturmthal musste sich in England ein komplett neues Leben aufbauen. Gustav Sturmthal gelang es eine neue Praxis zu eröffnen. Nicolaus Sturmthal verstarb 1943, Gustav zwei Jahre später, im Dezember 1945, in England. Hildegard Sturmthal stellte nach dem Tod ihres Mannes zahlreiche Wiedergutmachungsanträge. Sie befand sich nach der Emigration in einer miserablen finanziellen Situation. Nach zähem Ringen bekam sie einen gewissen Schadensersatz zugesprochen, der allerdings in keiner Weise dem eigentlichen Wert der Gegenstände entsprach.

