Dr. Otto Buchinger (1878-1966)
Fastenarzt und Quäker

Dr. Otto Buchinger
Zum engsten Kreis der Bad Pyrmonter Quäkergemeinde gehörte auch der Badearzt Dr. Otto Buchinger (1878-1966). Kurärzte nahmen im sozialen Gefüge einer Kurstadt als leitendes medizinisches Personal häufig einen besonderen Stellenwert ein. Buchinger betrieb von 1935 bis 1954 die von ihm gegründete Klinik in Bad Pyrmont und war als Begründer des modernen Heilfastens weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. In seine Arbeit integrierte er Ideen der Naturheilkunde und der Lebensreformbewegung. Diese verband die Kritik an der Industrialisierung und der Urbanisierung mit dem Streben nach einer Lebensweise im Einklang mit der Natur. Im NS-Staat war Buchinger als Pazifist, Quäker und Gegner des Regimes nach eigener Aussage mit Besuchen der geheimen Staatspolizei, Überwachung der Sprechstunden, Denunziationen durch parteitreue Patienten, öffentlicher Verunglimpfungen sowie einem Verfahren auf Approbationsentziehung konfrontiert. Darüber hinaus war seine nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 als ‚Halbjüdin‘ geltende Ehefrau der rassistisch motivierten Diskriminierungspolitik des NS-Staates und seiner Vertreter vor Ort ausgesetzt. Durch den Status ihrer ‚Mischehe‘ geschützt, überlebte Elsbet Buchinger die Diktatur zurückgezogen in Bad Pyrmont.
Fastenurkunde
Die Zeichnung stammt von einer von Buchinger unterschriebenen und von seiner Klinik ausgestellten Fastenurkunde. Sie bescheinigt Konrad Beste 1936 eine 19-tägige Fastenkur. Die Zeichnung kann stellvertretend für Buchingers Philosophie verstanden werden: Die Verbindung naturheilkundlicher Verfahren – hier dem Heilfasten – mit religiösen Überzeugungen in Form des Quäkertums. Auch die christlichen Symbole auf der Urkunde verdeutlichen das lebensreformerisch-religiös geprägte Weltbild Buchingers: Die Kreuze im Klinikstempel sowie im Pentagramm mittig zwischen den Baumwipfeln sowie das Textzitat aus einem christlichen Lied am unteren Rand der Darstellung. Das Ankerkreuz aus dem Stadtwappen Bad Pyrmonts verweist auf den Standort der Klinik.
Klinikgebäude in Bad Pyrmont
Otto Buchinger besaß fünf Klinikgebäude in Bad Pyrmont. Während des Zweiten Weltkrieges wurden vier der fünf Häuser der Fastenklinik – das Haus ‚Daheim‘, das ‚Blumenhaus‘, das ‚Waldhaus‘ sowie das abgebildete ‚Wiesenhaus‘ beschlagnahmt. Dem Praxisbetrieb blieb nur noch das Haupthaus. Die Häuser waren teilweise noch bis 1947 durch die Landeskrankenanstalt zweckentfremdet.
Mischehe
Eine ‚Mischehe‘ war eine Ehe zwischen einem als ‚arisch‘ bzw. als nicht-Juden geltenden und einer nach den völkisch-rassistischen Nürnberger Gesetzen von 1935 als ‚jüdisch‘ angesehenen Person. Ab 1935 wurden solche Ehen zwar nicht rückwirkend verboten, aber neue Eheschließungen zwischen ‚Ariern‘ und ‚Juden‘ waren untersagt. Bereits bestehende ‚Mischehen‘ wurden zwar toleriert, aber stark diskriminiert. Die Ehepartner unterlagen sozialer Stigmatisierung, behördlicher Überwachung und oft beruflichen Nachteilen. Der jüdische Ehepartner war durch die Ehe zunächst in begrenzten Maßen vor Deportation und Vernichtung geschützt – allerdings nur solange die Ehe bestand. In Bad Pyrmont existierten zur Zeit des NS-Regimes etwa fünf sogenannte ‚Mischehen‘, u. a. bei Fritz Coppel, Elsbeth Buchinger und Cäcilie Seutemann. Die jeweils jüdischen Ehepartner waren bis 1945 unter dem Status der ‚Mischehe‘ geschützt, sollten jedoch Anfang des Jahres auch deportiert werden. Eheleute in ‚Mischehen‘ entwickelten verschiedene Bewältigungsstrategien, um erst der öffentlichen Diskriminierung und später der zunehmenden Gefahr von Deportation und Ermordung zu entgehen: Der Rückzug in das Private, die Emigration, das Leben im Versteck oder auch Suizid als extremstes Mittel.
„Was hier ein leitender deutscher Arzt schreibt, ist eine Beleidigung und Verhöhnung des ganzen deutschen Volkes.“
Der Stürmer über Otto Buchinger, 1938

„Der Schandfleck von Bad Pyrmont“
Am 18. Oktober 1938 wurden Otto Buchinger und seine Klinik in der Zeitschrift ‚Der Stürmer‘ als „Schandfleck von Bad Pyrmont“ verunglimpft. ‚Der Stürmer‘ war eine antisemitischen Hetzzeitschrift und Wochenzeitung. Nachdem seine Klinik einen Stempel mit dem Inhalt, dass „jüdische Gäste nicht aufgenommen werden können“, anfertigen lassen musste, drückte Buchinger sein Bedauern darüber „als Mensch und Arzt“ in einem Brief an einen jüdischen Patienten aus. Der Artikel im ‚Stürmer‘ beschreibt zynisch und antisemitisch, wie es „Herrn Dr. med. Buchinger leid“ tat, dass „Bad Pyrmont nichts mehr von den Juden wissen“ wolle. Buchingers Brief sei eine „Beleidigung und Verhöhnung des ganzen deutschen Volkes“, so der Autor in Bezug auf die NS-Volksgemeinschaft. Es hätten sich bereits „viele tausende von deutschen Ärzten [...] freudig zum Nationalsozialismus und damit zum Antisemitismus“ bekannt. In den „Reihen der deutschen Ärzte“ hätte Buchinger nichts zu suchen, so der letzte Absatz des Artikels. Mit dem Artikel wurde Buchinger reichsweit an den Pranger stellt



