DAS BAD PYRMONTER STADTBILD
Bad Pyrmonts Stadtbild passt sich an
Im Gegensatz zu den Monumentalbauten in Großstädten wie Berlin oder Nürnberg zeigten sich die Veränderungen im kleinstädtischen Bereich subtiler. Zu den augenfälligsten Veränderungen im Stadtbild gehörten die Umbenennungen von Straßen. In Bad Pyrmont erhielten insgesamt sechs Straßen neue Namen mit nationalsozialistischem Bezug.
Ab Mitte der 1930er Jahre spielten Infrastrukturmaßnahmen für den zunehmenden Individualverkehr eine immer deutlichere Rolle. In Bad Pyrmont wurde zum einen die Hauptallee in Richtung Schwimmbad verbreitert und eine neue Wegführung für den Autoverkehr angelegt. Zum anderen sorgte der Bau eines Parkplatzes mit 600 Stellplätzen über die Grenzen der Kurstadt hinaus für Aufsehen. Auch die bereits erwähnte Umgehungsstraße sollte den innerstädtischen Autoverkehr entlasten.
Der Anschluss an die geplante – aber nicht realisierte – ‚Bückeberg-Autobahn‘ wurde in einer Ratssitzung Anfang 1939 angekündigt. Eine weitere Infrastrukturmaßnahme war die Erweiterung des Bahnhofs um ein drittes Gleis, das vermutlich für die
alljährlich in der Region stattfindenden Reichserntedankfeste angelegt wurde.
Auch der Sport hatte für die Nationalsozialisten einen hohen Stellenwert. Um der ‚Volksgemeinschaft‘ von Nutzen zu sein, galt es als Jedermanns Pflicht sich geistig wie körperlich zu ertüchtigen. Der Ausbau des städtischen Sportplatzes 1933, aber insbesondere auch die Fertigstellung der neuen Badeanstalt 1934 zeugten bereits früh von diesen Ambitionen.
Bad Pyrmonts neue Straßennamen:
Adolf-Hitler-Straße, Straße der SA,
Ruststraße,
Schlageterplatz, ...
Viktor Lutze und Hans Zuchhold bei der Einweihung des neuen Freibades
Das Freibad
Das Bad Pyrmonter Freibad wurde 1934 feierlich unter der Anwesenheit von Viktor Lutze, Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover und später Stabschef der SA, eröffnet. Auch im Hinblick auf Olympia 1936 wurde es überregional zum beliebten Trainingslager für Leistungssportler im Wasserball, Turmspringen und Schwimmen.
Altenauplatz - Schlageterplatz
Die Umbenennung des Altenauplatzes in Schlageterplatz erfolgte anlässlich des 10. Todestags von Albert Leo Schlageter und wurde propagandistisch inszeniert. Schlageter (1894-1924) war Soldat im Ersten Weltkrieg und Angehöriger verschiedener Freikorps. Er war Mitglied der NSDAP-Tarnorganisation ‚Großdeutsche Arbeiterpartei‘. Während der französisch-belgischen Ruhrbesetzung war er militanter Aktivist und wurde wegen Spionage und mehrerer Sprengstoffanschläge von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Schon in der Weimarer Republik wurde er nicht nur von rechten Kreisen zur Märtyrerfigur erhoben. Die NS-Propaganda befeuerte den ‚Schlageter-Kult‘ und inszenierte ihn als den ‚ersten Soldaten des Dritten Reiches‘.

Kirchstraße - Straße des 30. Januar
Die Umbenennung der Kirchstraße in ‚Straße des 30. Januar‘ anlässlich des ersten Jahrestages der nationalsozialistischen ‚Machtübernahme‘ löste offenbar Proteste in der Bevölkerung aus. Die NSDAP-Ortsgruppe reagierte auf diesen höchst ungewöhnlichen Vorgang mit einem bezeichnenden Aufruf im Pyrmonter Anzeiger: „Anläßlich des 1. Jahrestages der Machtübernahme hat unser Bürgermeister als Ortspolizeibehörde die Kirchstraße in ‚Straße des 30. Januar‘ umgetauft. Wir Nationalsozialisten wissen unserem Bürgermeister Dank dafür, denn nicht oft genug kann auf diesen Tag hingewiesen werden. Einige Anlieger können sich noch nicht mit diesem Namen befreunden. Reaktionären, Juden und deren Mitläufern scheint dieser Tag derart in die Glieder gefahren zu sein, daß sie ihn nicht auch noch auf einem Straßenschild lesen mögen. Durch Unterschriftensammlung will man den Bürgermeister umstimmen. Wir möchten diese Herrschaften darauf hingewiesen haben, daß im neuen Staat getroffene Entscheidungen nicht durch derartige Mätzchen umgestoßen werden.“ Das Zitat verdeutlicht, dass
demokratische Werkzeuge wie Unterschriftensammlungen als alberner Unsinn abgetan wurden.
Ob sich die Kritik an der Umbenennung auf den Verlust des Bezugs zur Kirche oder auf eine vermutete Antipathie gegenüber dem NS-Regime bezog, lässt sich nicht eindeutig klären. Andere Umbenennungen verliefen wohl weniger kontrovers.








