Schule und Jugend

SCHULE UND JUGEND

Jugend im NS 

Die Erziehung der Jugendlichen im Sinne des Nationalsozialismus war entscheidend für den Machtausbau und die Stabilisierung des NS-Regimes. Gemäß dem totalitären Anspruch sollte ihr Einfluss die gesamte Lebensrealität der Jugendlichen abdecken. So kam es auf verschiedenen Ebenen zur ideologischen Indoktrination der Jugendlichen: Die Erziehung zur Volksgemeinschaft, Aufopferungsbereitschaft, Wehrhaftigkeit sowie der Vorrang von körperlicher Ertüchtigung gegenüber geistiger Bildung wurden zu neuen Idealen erklärt. Neben dem Schulwesen sollten vor allem die NS-Massenorganisationen HJ und ihr weiblicher Zweig, der BDM, den Einfluss der nationalsozialistischen Machthaber durchsetzen und eine allumfassende Erziehung der Jugend sicherstellen. Die Staatsjugend wurde so neben Schule und Elternhaus zum dritten Erziehungsfaktor und zum zentralen Erziehungsinstrument im nationalsozialistischen Sinne. Ab 1939 wirkte sich insbesondere der Zweite Weltkrieg auf das Leben vieler Kinder und Jugendlicher aus.
 

 

Gleichschaltung der Schule in Bad Pyrmont 

Mit der Zäsur 1933 wurde auch der vergleichsweise autonome Schulalltag in den Dienst des NS-Regimes gestellt und das Schulsystem gleichgeschaltet. Die vorher föderale Schulverwaltung wurde nun im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zentralisiert. Damit wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Schulen nach dem Führerprinzip auszurichten und die Lehrpläne nach völkisch-ideologischen Maßstäben umzugestalten. Dies wirkte sich auch auf das Bad Pyrmonter Schulwesen aus. Damals existierten hier mehrere Schulen: Die Volksschulen I (heute Grund- und Hauptschule Herderschule) und II (heute Grundschule Holzhausen), die Oberschule für Jungen, die jedoch auch von Schülerinnen besucht wurde (heute HumboldtGymnasium), sowie die katholische Volksschule und mehrere Berufsschulen. Als eine unmittelbare Folge lag ab spätestens 1935 die Verantwortung für die lokale Schulverwaltung bei den jeweiligen Bürgermeistern. Im Schulbeirat wirkten neben Lehrkräften auch die NSDAP und die HJ mit. Örtliche NS-Organisationen konnten so direkten Einfluss auf das Bad Pyrmonter Schulleben nehmen. Auch demokratische Elemente wie eine Schülerselbstverwaltung oder Elternräte wurden abgeschafft: So war die Wahl von Vertrauensschülern oder eines Schülerausschusses in der Oberschule ab dem Schuljahr 1936/37 nicht mehr möglich. Schülervereine wurden ebenfalls aufgelöst.

Verwaltungsordnung für die höhere Schule der Stadt Bad Pyrmont
| Museum im Schlos

„Aller Unterricht hat als Ziel: Nationalsozial-istische Ausrichtung!“

Protokollbuch der Schule Holzhausen, 28. Juni 1938

Schulwesen und NS-Verfolgung

Das nationalsozialistische Schulwesen war geprägt durch Antisemitismus und Verfolgungsmaßnahmen. Bereits am 25. April 1933 wurde das ‚Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen‘ verabschiedet. Dieses bestimmte, dass zukünftig maximal fünf Prozent der Schülerschaft einer Schule ‚nicht-arischer‘ Herkunft sein durften. Bei Neueinschulungen durften es nur eineinhalb Prozent der aufgenommenen Schüler sein. Ziel war die Verdrängung der ‚nicht-arischen‘ Jugend aus öffentlichen Schulen. Auch in Bad Pyrmont berichten Zeitzeugen von der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitschülerinnen, die die Oberschule für Jungen besuchten. So musste beispielsweise Marianne De Haas, die Tochter des damaligen Vorstehers der jüdischen Gemeinde Max De Haas, in der Schule alleine sitzen und wurde von den Lehrkräften ignoriert. Sowohl ihr, ihrer Schwester Charlotte, als auch Elga und Gerda Sturmthal, den Töchtern des Arztes Dr. Sturmthal, waren spätestens nach den Novemberpogromen 1938 der Schulbesuch verwehrt.

Oberschule, um 1930
| Museum im Schloss

„Marianne, komm mal bitte raus!“ 
Die Zeitzeugin Johanna H. erinnert sich wie ihre jüdische Mitschülerin aus dem Unterricht gerufen wurde und nicht wiederkam

Katholische Schule Bad Pyrmont | NLA HA Hann. 180 Hannover e4 Nr. 12, o. Bl.

Katholische Schule

In Bad Pyrmont existierte seit 1860 auch eine katholische Volksschule, mit etwa 50 bis 60 Schülern und zwei Lehrerinnen. Der Lehrplan war identisch mit dem der öffentlichen städtischen Volksschulen enthielt aber zusätzlich katholischen Religionsunterricht. Spätestens ab 1935 forderte die Ortsgruppe der NSDAP und die Stadtverwaltung Bad Pyrmonts die Schließung der Schule. Obwohl alle Schüler entweder bei der HJ oder dem BDM waren, begründete Bürgermeister Zuchold die Schließung mit dem NS-Volksgemeinschaftsgedanken. Mit Beginn des Schuljahres wurden Ende März 1939 ohnehin reichsweit alle Bekenntnisschulen geschlossen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die katholische Bekenntnisschule 1946 wiedereröffnet

Lehrkräfte

Eine ideologisch konforme Erziehung benötigte ideologisch konforme Lehrkräfte, die die nationalsozialistischen Inhalte in ihren Unterricht integrieren würden. Daher kam auch Lehrkräften bei der Machtsicherung des NS-Regimes eine wichtige Stellung zu. Mit dem 1933 verabschiedeten ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ entließen die Nationalsozialisten jüdische sowie politisch unerwünschte Personen aus dem Staatsdienst – und damit dem Lehrkörper. In Bad Pyrmont wurde nur ein politisch scheinbar nicht konformer Volksschullehrer aus dem Dienst entlassen. Die Lehrerschaft Bad Pyrmonts schien sich überwiegend widerstandslos mit der neuen politischen Situation zu arrangieren, anzupassen und im Sinne des NS-Systems zu verhalten. Etwa 90 Prozent von ihnen waren auch im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) organisiert. Im NSLB hörten und hielten Lehrkräfte Vorträge, die der NS-Ideologie entsprachen und nahmen an verschiedenen Lehrgängen und Tagungen teil. Auch das Kollegium der Volksschule Holzhausen traf sich beispielsweise, um sich gegenseitig ideologische Vorträge auf Lehrerkonferenzen vorzutragen. Dabei wurden Themen wie die neuen Ideale der nationalsozialistischen Erziehung oder die angeblichen Gefahren des Bolschwismus verhandelt und antisemitische Vorträge gehalten. Diese ‚Schulungsvorträge‘ waren darüber hinaus mit dem Apell verbunden, die Inhalte auch im Unterricht zu behandeln und die Schülerschaft auf entsprechende angebliche Gefahren hinzuweisen.

Lehrplan der Haushaltungsschule Gabert | NLA e4 Nr.119/2

Haushaltungsschule von Käthe Gabert 

In Bad Pyrmont gab es auch mehrere Berufsschulen. So beispielsweise die Haushaltungsschule der Gewerbelehrerin Käthe Gabert, die einen hauswirtschaftlichen Unterricht für junge Frauen und Mädchen anbot. Die Bad Pyrmonterin eröffnete 1925 die ‚Private Haushaltungsschule Gabert‘ in der heutigen Rathausstraße. Ab April 1941 kam die lokale Schulverwaltung auf Gaberrt zu und entprivatisierte die Lehranstalt. Als Kreishaushaltungsschule Bad Pyrmont führte Gabert den Lehrbetrieb fort. Gabert war bereits 1932 der NSDAP beigetreten und übernahm darüber hinaus mehrere Ämter in NS-Organisationen. Am 1. April 1935 trat sie außerdem dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei. Der NS-Ideologie gab Gabert im Unterricht bereitwillig Raum. So lautete sowohl 1942 als auch im Frühjahr 1943 das Aufsatzthema der Abschlussprüfung ‚Wie hilft die deutsche Frau den Krieg gewinnen‘ (1942) und ‚Der Kriegseinsatz der deutschen Frau‘ (1943). Nach dem Kriegsende wurde Gabert aufgrund ihres frühen Eintritts in die NSDAP ihres Amtes enthoben und ihre Schule zunächst geschlossen.

„Die gesamte deutsche Jugend muß (...) auf ihre künftigen Pflichten vorbereitet werden“ 

Gesetz über die Hitlerjugend, 1. Dezember 1936

Schülerkapelle der Oberschule für Jungen 1927 | Archiv Humboldt Gymnasium Bad Pyrmont
Aufmarsch der Schülerkapelle am 1. Mai 1934 | Museum im Schloss

Schulkapelle der Oberschule für Jungen 

1927 und 1935/36 Das obere Foto zeigt die Schulkapelle der Oberschule für Jungen Ostern 1927. Zehn Jahre später fanden die Schüler infolge „anderweitiger Inanspruchnahme“ keine Zeit mehr zum regelmäßigen Üben, so der Jahresbericht für das Schuljahr 1936/37. Gemeint war damit die Teilnahme an Veranstaltungen oder Aktionen der verschiedenen NS-Organisationen wie BDM oder HJ, die den Freizeitbereich der Schüler zunehmend vereinnahmten. Darüber hinaus spielte die Kapelle ab 1933 regelmäßig bei Festzügen, Sonnenwendfeiern, Fackelzügen sowie anderen NS-Veranstaltungen. Mit dem Schuljahr 1937/38 wurde die Kapelle aus Mangel an Mitgliedern eingestellt.

Urkunde für Metallspende | Humboldt Gymnasium Bad Pyrmont

Zweiter Weltkrieg: Verknappung und Ausfall von Unterricht

Die ersten Schuljahre nach 1933 waren geprägt von Anpassung und Integration der NS-Erziehungsinhalte in Unterricht, Freizeit und Lehrkörper. Spätestens ab Herbst 1939 kam es mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zu weiteren einschneidenden Maßnahmen im Schulbetrieb, die sich vor allem in Schul- und Unterrichtsausfällen äußerten. Doch auch schon vor September 1939 wurden Lehrer der Oberschule zu Wehrmachtsübungen eingezogen. Es kam zu einem hohen Personalmangel. Die Folge war der Ausfall von Unterricht sowie die Zusammenlegung von Klassen. Auch die Abiturprüfungen fielen in mehreren Jahren aus. Die (Schul-)Zeit war vielmals auch von persönlichen Verlusten geprägt, da nahezu alle männlichen Mitschüler, teilweise ganze Jahrgänge, zur Wehrmacht eingezogen wurden. Daneben waren viele Schüler spätestens ab 1939 im Kriegshilfsdienst der HJ oder der Deutschen Arbeitsfront (DAF) im Einsatz. Schülerinnen wurden nach dem Schulabschluss vom Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen und in der Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft eingesetzt. Jüngere Schülerinnen mussten beispielsweise im Rahmen von Ernteeinsätzen in den Ferien zur Versorgung der deutschen Bevölkerung im Krieg beitragen. Auch auf anderen Ebenen wirkte sich der Krieg auf den Bad Pyrmonter Schullalltag aus: So dauerten die Winterferien 1944/45 als ‚Kohleferien‘ bis Anfang Februar 1945, um (kriegs-)wichtige Ressourcen einzusparen. Schulbetrieb und Unterricht mussten flexibel auf die Konsequenzen des Krieges reagieren: Bei Fliegeralarm fielen Klausuren und Unterricht aus oder wurden unterbrochen.

Museum im Schloss

Krankenversorgung im Klassenzimmer

Bad Pyrmonts Schulen wurden ab 1944 auch als Lazarett beschlagnahmt. Zunächst wurde die Volksschule II (Holzhausen) im Dezember 1944 geschlossen, die Oberschule für Jungen folgte ab Februar 1945. Die Turnhalle wurde bereits davor zum ‚Verwundetensport‘ genutzt. Auch die Volksschule I (Oesdorf ) musste Anfang März den Schulbetrieb einstellen und wurde als Lazarett beschlagnahmt. Für den gesamten Bad Pyrmonter Unterricht mussten alternative Unterrichtsräume gefunden werden: Sowohl das Feuerwehrhaus, der Kirchensaal, Gemeinderäume oder Räumen der Kurverwaltung wurden zweckentfremdet, teilweise erfolgte der Unterricht in Wechselschichten vor- und nachmittags. Ab März 1945 wurde an allen Bad Pyrmonter Schulen nur noch unregelmäßig, überwiegend jedoch gar nicht mehr unterrichtet.

„Bis zu den Weihnachts-ferien hatte sich die Zahl der ‚männlichen‘ Schüler auf drei reduziert“ 

Die Zeitzeugin Johanna H.

Nachkriegszeit 

Nach Kriegsende nahmen die Bad Pyrmonter Schulen ihren Unterricht erst im Herbst 1945 wieder auf. Der Schulalltag war weiterhin geprägt von Ressourcenknappheit, kriegsbedingten Einsparmaßnahmen und der Anwesenheit vieler sogenannter Heimatvertriebener, Flüchtlinge und Evakuierter. Mit ihrer Ankunft verdoppelte sich innerhalb kürzester Zeit die Anzahl der Schülerschaft und die Schulen stießen an ihre Kapazitätsgrenzen. Unterbringung und Versorgung dieser Personen und ihrer Familien stellte die Stadt jedoch vor Herausforderungen und Konflikte. Die Raumknappheit wurde zusätzlich verschärft, da in den Räumlichkeiten der Oberschule Übergangskurse für Versehrte abgehalten wurden. Darüber hinaus wurde die Turnhalle des heutigen Humboldtgymnasiums nach Kriegsende zur Unterbringung von Geflüchteten genutzt. Zusätzlich waren in zwei Klassenräumen der Oberschule zum Heizkostensparen 40 Personen untergebracht.

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