Entwicklung des Fremdenverkehrs

ENTWICKLUNG DES FREMDENVERKEHRS

Foto: Museum im Schloss

Kuren im Nationalsozialismus 


Das NS-Regime warb damit, dass sie Kurorte als ‚Heilgüter deutscher Heimat‘ allen ‚Volksgenossen‘ verfügbar machen würden. In der Realität blieb ein Kuraufenthalt jedoch für die meisten Menschen weiterhin unbezahlbar. Parallel führten beispielsweise die Reisen der Organisation ‚Kraft durch Freude‘ (KdF) dazu, dass sich die Idee des Reisens weiter verbreitete. Von dieser Entwicklung konnten sowohl das allgemeine Fremdenverkehrsgewerbe als auch das Kurwesen profitieren. Doch wie entwickelte sich Bad Pyrmont als Kurort während des NS-Regimes

Kurgäste pro Jahr aus dem Jahresbericht des Niedersächsischen Staatsbades Pyrmont
des Jahres 1947 | NLA Nds. 120 Hannover Acc. 97/85 Nr.  4

Die Entwicklung der Kurgastzahlen 

Vor der ‚Machtübernahme‘ der Nationalsozialisten führte die Wirtschaftskrise von 1929 zunächst zu einem Rückgang der Besucherzahlen im Fremdenverkehr. Doch spätestens ab 1933 trat in Bad Pyrmont eine rasche positive Entwicklung ein: Der Fremdenverkehr und der Kurbetrieb erholten sich schnell wieder und die Zahl der Kurgäste stieg kontinuierlich an. Waren es 1932 noch etwa 12.000 Besucher, verzeichnete das Staatsbad 1937 mit über 20.000 Gästen einen Höchststand. Hinzu kamen noch Tagesgäste oder Personen, die nur aus touristischen Gründen in der Stadt übernachteten. Diese Positiventwicklung wirkte sich auch auf das gesamte Gastgewerbe Bad Pyrmonts aus: Während der Kurort 1934 über 119 Fremdenheime und 15 Hotels verfügte, stieg die Zahl bereits zwei Jahre später auf 150 Fremdenheime und 18 Hotels an. Nun konnten jährlich ca. 30.000 Gäste im Bad übernachten. Bis 1939 vergrößerte sich die Aufnahmekapazität auf 40.000 Gäste in 29 Hotels und 110 Fremdenheimen. Dieser Aufwärtstrend schlug sich im Ausbau der Kuranlagen in den 1930er Jahren nieder, unter anderem wurde der Kurpark erweitert sowie eine Liegewiese am Bomberg errichtet. Diese positive Entwicklung des Fremdenverkehrs war nicht auf Bad Pyrmont beschränkt, sondern war reichsweit beobachtbar.

Aus den Jahresabschlussberichten der Deutsche Revisions- und Treuhand-Aktiengesellschaft Berlin | BArch R/8135/4843

Wer kam zu Gast? 

Bad Pyrmont war ein Traditionsbad mit wohlhabenden Kurgästen. Der Nationalsozialismus änderte daran nur bedingt etwas. Im Laufe der 1930er Jahre stieg die Zahl der selbstzahlenden Gäste stark an und blieb auf einem hohen Niveau. Im Gegensatz zu den Sozialgästen waren diese Gäste zahlungskräftigere Kunden und daher insbesondere für das Beherbergungsgewerbe von größerem finanziellem Interesse. Diese Entwicklung lässt sich bis 1943 nachzeichnen.

Ausländische Kurgäste pro Jahr, aus Jahresbericht des Niedersächsischen Staatsbades Pyrmont | NLA Nds. 120 Hannover Acc. 97/85 Nr. 4

Ausländische Kurgäste 

Bad Pyrmont war schon immer auch ein internationales Bad: Die Zahl der ausländischen Badegäste stieg in den Jahren 1935/36 wieder stark an. Sie machten stets einen kleinen Prozentsatz der Gesamtbesucherzahl aus. Ein Höhepunkt in diesem Zusammenhang war der Besuch einer niederländischen Reisevereinigung im August 1935 mit 350 Gästen. Die Niederlande waren das wichtigste ausländische Einzugsgebiet. Von dort stammte der Großteil der internationalen Besucher in Bad Pyrmont. Dies hatte mehrere Gründe: Die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den Niederlanden und Nordwestdeutschland, die kulturellen, sprachlichen und historischen Verbindungen zwischen den beiden Regionen sowie die geografische Nähe. Mit Beginn und Verlauf des Zweiten Weltkrieges brach die Zahl der internationalen Gäste ruckartig ein. Ab 1944 wurden bis 1947 keine ausländischen Kurgäste mehr verzeichnet.

„Das Hotel hier, wo ich wohne (Kurhotel) ist ganz schön, ruhig und die Verpflegung ist gut. Jede zwei Tage muß ich baden. Stahlbäder und ebenso muß ich Stahlwasser trinken.“ 
Tagebuch Marie Halstenbach, Kur bei Dr. Lentrodt, 12. Juni 1937

KFD Veranstaltungs-Plan | privat

Kraft durch Freude (KdF) 

Kraft durch Freude (KdF) war eine nationalsozialistische Massenorganisation und die populärste Organisation des NS-Regimes. Sie wurde 1933 als Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der Einheitsorganisation der Arbeitnehmer und Arbeitgeber im NS-Staat gegründet. Zu ihren wichtigsten Aktivitäten gehörte die Mitentwicklung des Volkswagens sowie das Anbieten von Nah- und Fernreisen. Ihr Ziel war es, die Arbeiterschaft in die ‚Volksgemeinschaft‘ zu integrieren. KdF bot Zugang zu bisher bürgerlichen Privilegien zum Zwecke der Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft. Mit dem Amt für Reisen, Wandern und Urlaub war sie der größte Reiseveranstalter des ‚Dritten Reichs‘.

KFD Veranstaltungs-Plan | privat

KdF-Gäste in Bad Pyrmont 

Im Gegensatz zu teuren selbstfinanzierten Kuraufenthalten kostete eine KdF-Reise den Urlauber im Schnitt 4,50 RM am Tag. Im Rahmen der KdF-Reisen wurden auch Kurorte zu Reisezielen, darunter auch Bad Pyrmont. Im Mai 1935 berichtete die Pyrmonter Zeitung von 150 KdF-Gästen, die hier ihren Erholungsaufenthalt verbrachten. Mitte Oktober 1934 – zum Ende der Hauptsaison – kamen sogar 1.000 Gäste über die Organisation nach Bad Pyrmont. Auffallend ist, dass die KdF-Gäste vor allem zu Beginn und zum Ende der Saison anreisten. Auch tauchen Berichte über sie, ihre Aufenthalte und Veranstaltungen vor allem in der Lokalzeitung auf – bei der Darstellung des Kurortes und des Kurlebens in der Kurzeitung wurden sie ausgeblendet, denn: Die KdF-Gäste konnten sich negativ auf den exklusiven Flair und das Image als exklusives ‚Weltbad‘ auswirken. Einige Fremdenverkehrsorte klagten sogar über das Fernbleiben von zahlungskräftiger Kundschaft aufgrund der KdF-Reisenden. Nichts desto trotz: Mit ihren günstigeren Pauschal- und Vergünstigungskuren spielte KdF eine zentrale Rolle für die Konsumteilhabe aller ‚Volksgenossen‘ und damit der sozialen Öffnung von Kurorten im 20. Jahrhundert.

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