Denkmal

DAS DENKMAL FÜR DIE GEFALLENEN DES ERSTEN WELTKRIEGS

Foto: Museum im Schloss

Form und Funktion des Denkmals

Das Bad Pyrmonter Denkmal sollte die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ehren und gleichzeitig durch die deutliche Bildsprache die nationalsozialistische Ideologie fördern. Die vier Soldaten repräsentieren den Landsturm, die Landwehr, die aktiven und die freiwilligen Soldaten. Die Aufstellung der vier Soldaten, mit Blick in die vier Himmelsrichtungen, sollte eine Opfer- und Verteidigungshaltung Deutschlands suggerieren. Es ging nicht um die eigentliche Gleichheit der Gefallenen, sondern darum, Feindbilder zu etablieren.

Das gegenseitige Schützen des Rückens nimmt zudem Bezug auf die ‚Dolchstoßlegende‘, was den Zusammenhalt und die Kriegsbegeisterung betont. Der Schrecken des Krieges wurde durch den Mythos der ‚unbesiegten Armee‘ kompensiert. Der Tod der Gefallenen wird umgedeutet in eine Aufforderung an die nachfolgenden Generationen, die Niederlage durch erneute kriegerische Auseinandersetzungen rückgängig zu machen, auch um das bereits erbrachte Opfer nicht zu entwerten. Dadurch bekam der Tod eine politische Bedeutung und konnte von den Überlebenden instrumentalisiert werden. Der Kriegstod wurde dabei heroisiert und positiv bewertet. Wie viele andere politische Mythen wirkte auch dieser Totenkult sinnstiftend und schuf eine Gruppenidentität. Dabei standen die Gefallenen selber im Hintergrund, ihre Rolle wurde auf die Erziehung der Lebenden beschränkt.

„Dieses Ehrenmal soll uns nicht Denkmal, sondern Mahnmal sein, uns stets einzusetzen, wenn es gilt, das Vaterland zu schützen.“
Hans Zuchhold bei der Einweihungsfeier

Kriegerdenkmäler

Insbesondere nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 setzte sich die Tradition durch, auch einfachen Soldaten in Form von Kriegerdenkmälern zu gedenken. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden Denkmäler in fast jeder Stadt und jedem Dorf. Der Erste Weltkrieg kostete weltweit etwa zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten das Leben. Da die Kämpfe überwiegend außerhalb der Reichsgrenzen stattfanden, starben die meisten Soldaten fernab der Heimat. Die Gräber der Gefallenen befinden sich daher in ganz Europa und der Welt verteilt und waren für die Hinterbliebenen kaum zu erreichen. Die Denkmäler wurden so zu wichtigen Orten des Erinnerns. Gleichzeitig setzte auch eine politische Instrumentalisierung ein. In der Weimarer Republik bestand diese in erster Linie darin, im Tod der Gefallenen ein bedeutsames Opfer für den Fortbestand von Vaterland und Volk zu sehen. Die konkreten Biografien der Gefallenen blieben dabei ebenso im Dunkeln wie die realen Schrecken des Krieges. Der nationalsozialistische Staat trieb dies auf die Spitze: Die Kunst wurde zur Darstellung und Durchsetzung der faschistischen Ordnung instrumentalisiert. 

 

Foto: Museum im Schloss

Der Künstler August Waterbeck

August Waterbeck war Bildhauer aus Hannover. Bekannt war er vor allem für seine Porträts, Tierplastiken und Grabmäler. Neben dem Denkmal in Bad Pyrmont schuf er auch Denkmäler in Lüneburg und Hildesheim. Zudem nahm er insgesamt viermal an der ‚Großen Deutschen Kunstausstellung‘ in München teil, zuletzt 1942. Eine gewisse Nähe zum nationalsozialistischen System erscheint daher wahrscheinlich, was neben der geografischen Nähe zu Bad Pyrmont möglicherweise ein weiteres Argument für Waterbeck als Künstler für das Denkmal darstellte.

 

Dolchstoßlegende

Die ‚Dolchstoßlegende‘ ist eine Verschwörungserzählung, nach der das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg angeblich nicht auf dem Schlachtfeld besiegt worden sei. Dabei wusste die Oberste Heeresleitung bereits im Herbst 1918, dass die erschöpften deutschen Streitkräfte zur weiteren Kriegsführung nicht mehr imstande waren und dass ein alliierter Durchbruch unvermeidlich war.  Die Verantwortung für die Niederlage wollten die führenden Militärs allerdings nicht übernehmen: Gezielt verbreiteten Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das Bild eines an der Front unbesiegten Heeres, dem die Heimat durch Friedensinitiativen, linke politische Agitation, jüdische Verschwörungen, Streiks und Sabotagen in den Rücken gefallen sei.

 

Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Planung des Denkmals

Die Schaffung eines Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Bad Pyrmont wurde bereits in der Weimarer Republik diskutiert. Dass die Planungen damals nicht konkretisiert wurden, dafür macht NS-Bürgermeister Hans Zuchhold 1935 die „Zeitumstände und den verwerflichen Parlamentarismus“ verantwortlich. Mit dieser Begründung verdeutlichte er seine Ablehnung gegenüber demokratischen Prozessen und eine klare Zustimmung zum ‚Führerprinzip‘.

Im September 1933 veröffentlichte der Bad Pyrmonter Magistrat eine Ausschreibung für den Bau eines Ehrenmals. Das Denkmal sollte ursprünglich an der Bassinallee (heute Am Hylligen Born) errichtet werden und Möglichkeit für Aufmärsche mit einer großen Anzahl von Festteilnehmern bieten.

Die Modelle der 39 Einsendungen wurden im Rathaus der Öffentlichkeit präsentiert. Das Preisgericht bestand aus Hofgartendirektor Dirks, Stadtkämmerer Jahnke, Sturmführer Ranst, Stadtbaumeister Schätte, NSDAP-Fraktionsführer Schürmann, Senator Dr. Vogt und Bürgermeister 
Zuchhold. Den ersten mit 400 Reichsmark dotierten Platz belegten Carl Lauer und Robert Müller aus Würzburg. Ausgeführt wurde jedoch der Entwurf (mit einigen Veränderungen) von August Waterbeck, der den zweiten Platz belegt hatte. Warum sein Entwurf umgesetzt wurde, konnte nicht abschließend geklärt werden. Die Lokalzeitung forderte etwa „möglichst heimische Künstler“ zu beauftragen. Waterbeck kam immerhin aus Hannover, was zumindest derselbe ‚Gau‘ war.

Auf dem Foto ist der Sockel im Rohbau mit einem Schild „Platz für das Ehrenmal / Einweihung Sept. 1935“ zu erkennen. Dieser Termin konnte aufgrund von Produktionsfehlern nicht eingehalten werden und erfolgte erst im Frühjahr 1936. Die Verzögerung der Einweihung hatte weitere Auswirkungen: Eine von Bürgermeister Zuchhold herausgegebene Werbezeitschrift über Bad Pyrmont wurde erst nach Fertigstellung des Denkmals veröffentlicht, da diese Bilder des Denkmals enthalten sollte.

Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont
Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Grundsteinlegung am 14. Juli 1935

Die Grundsteinlegung ist mit der Urkunde auf den 14. Juli 1935 datiert. Zu diesem Zweck wurde eine Feier durchgeführt, bei der sowohl Bürgermeister Hans Zuchhold, SA-Mitglieder sowie ein Mitglied der HJ Ansprachen hielten. 

Bei der Grundsteinlegung wurde zudem ein Buch mit den Namen der gefallenen Soldaten Bad Pyrmonts im Sockel verbaut sowie eine Kassette, die u. a. Schriften über die Entwicklung der Stadt und Urkunden über die Geschichte des Ehrenmals, der Partei und der SA enthielt.

Auf den Fotos ist im Hintergrund das Schloss zu sehen, das bewusst in Szene gesetzt wurde. Anwesend sind überwiegend SA-Mitglieder. 
 

Foto: Museum im Schloss
Foto: Museum im Schloss

Einweihung am 17. Mai 1936

Bereits ein halbes Jahr vor der Einweihungsfeier wurde der Platz um das Denkmal bepflanzt. Für die letzten Arbeiten und die Übergangszeit von der Fertigstellung des Denkmals bis zur Einweihung wurde ein Gerüst errichtet, um eine größere Inszenierung bei der Einweihung durch das Enthüllen des Denkmals zu erreichen. Vor der Einweihung des Denkmals wurde eine präzise Beschreibung des Aufmarschablaufes 
veröffentlicht.

Zur Einweihung wurde Viktor Lutze, Stabschef der SA, eingeladen, der ein häufiger Gast in Bad Pyrmont war: Bereits am 10. Mai 1934 war Viktor Lutze zur Einweihung des Freibades in Bad Pyrmont anwesend und wurde in diesem Kontext zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Außerdem wurde die Bahnhofstraße in ‚Viktor-Lutze-Straße‘ umbenannt.

Im Anschluss an die Einweihungsfeier wurden noch Namen in den Sockel und Scheinwerfer zur nächtlichen Anstrahlung installiert.

Die Einweihungsfeier zum Denkmal zeigt, wie auch Gedenkveranstaltungen nationalsozialistisch besetzt wurden. Der Fokus der Feier verschob sich vom Gedenken an die Gefallenen zur Glorifizierung des Krieges und Betonung der eigenen militärischen Stärke.
 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.